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Wie aus einer Notlösung eine Erfolgsgeschichte wurde
Wissenschaftliche Expertise gepaart mit unternehmerischem Denken schafft Raum für nachhaltigen MehrwertHerr Professor Büskens, 2007 kamen Sie zu Steinbeis. Wie kam es dazu?
Eigentlich aus einer echten Notsituation oder genauer gesagt: aus einer Mischung aus Zeitdruck und Pragmatismus. Im Nachhinein war es wohl einer der glücklichsten Zufälle meiner beruflichen Laufbahn. Ich war damals noch neu an der Universität Bremen, als die Europäische Weltraumorganisation (ESA) auf uns zukam. Ziel war die Entwicklung von WORHP, einem Softwarepaket für höchstdimensionale nichtlineare Optimierung und Optimalsteuerung. Heute bildet WORHP die technologische Grundlage zahlreicher wissenschaftlicher und industrieller Anwendungen weltweit. Aus diesem Projekt sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Forschungsprojekte, Softwarelösungen, Ausgründungen und internationale Kooperationen hervorgegangen.
Bevor wir jedoch überhaupt loslegen konnten, musste das Projekt noch angemeldet werden. Was in der Theorie nach einer Formalität klang, entwickelte sich in der Praxis zu einer Geduldsprobe. Während die administrativen Prozesse ihren gewohnten Takt hatten, orientierte sich die ESA eher an der Geschwindigkeit einer Trägerrakete. Die Hinweise wurden zunehmend deutlicher: „Wenn die Anmeldung nicht bald erfolgt, sind Sie aus dem Rennen.“ In dieser Situation gab mir ein Professorenkollege, der bereits ein Steinbeis-Unternehmen gegründet hatte, einen kurzen Rat: „Ruf einfach bei Steinbeis an.“
Das habe ich getan und war ehrlich gesagt überrascht. Zwei Tage später war Steinbeis bereits in Bremen, weitere zwei Tage danach war das erste Steinbeis-Unternehmen gegründet und das ESA-Projekt konnte fristgerecht angemeldet werden. So kam ich eher aus der Not zu Steinbeis und weniger mit einem langfristigen Karriereplan. Rückblickend war genau diese schnelle und unbürokratische Unterstützung der Startpunkt einer inzwischen fast zwanzigjährigen Transfergeschichte. Ohne diese Entscheidung hätte es viele der später entstandenen Forschungs- und Industrieprojekte in dieser Form vermutlich nie gegeben.
Herr Dr. Echim, Sie sind seit 2015 dabei und haben gemeinsam mit Professor Büskens in dieser Zeit mehrere erfolgreiche Steinbeis-Unternehmen aufgebaut. Wie lautet Ihr Erfolgsrezept?
Mein erster Kontakt mit Steinbeis fand bereits 2011 statt: Im Rahmen einer industriefinanzierten Promotion konnte ich wissenschaftliche Forschung mit den konkreten Herausforderungen eines Unternehmens verbinden. Diese Erfahrung hat mein Verständnis von Technologietransfer nachhaltig geprägt. Nach meiner Promotion wechselte ich in das Wissenschaftsmanagement und übernahm gemeinsam mit Professor Büskens Verantwortung für den Aufbau unserer Steinbeis-Aktivitäten. Dass daraus einmal mehrere Unternehmen entstehen würden, hätte ich damals nicht erwartet. Mich hat jedoch schon früh der Wunsch angetrieben, unternehmerisch tätig zu sein und nachhaltigen Mehrwert für den Standort Bremen zu schaffen.
Unser Erfolgsrezept ist die Verbindung aus unternehmerischem Denken, Geschwindigkeit und exzellenter wissenschaftlicher Expertise. Wir betrachten Herausforderungen konsequent aus der Perspektive der Unternehmen, identifizieren gemeinsam die größten Pain Points und entwickeln dafür in kurzen Zyklen wissenschaftlich fundierte Lösungen. Unterstützt wird das durch ein starkes Netzwerk und ein hochqualifiziertes Team, das den Technologietransfer mit großer Leidenschaft vorantreibt.
Welche entscheidenden Vorteile bietet das Steinbeis-Modell aus Ihrer Sicht für das Company Building?
Christof Büskens: Für uns liegt die größte Stärke des Steinbeis-Modells darin, dass Wissenschaft und Unternehmertum nicht als Gegensätze verstanden werden. Gute Forschung erzeugt Ideen, Steinbeis schafft den Raum, diese Ideen schnell und professionell in die Anwendung zu überführen. Gerade in technologiegetriebenen Bereichen entscheidet häufig die Geschwindigkeit, denn Forschungsergebnisse müssen dann in Prototypen, Demonstratoren oder erste Produkte überführt werden, wenn der Bedarf am Markt entsteht – und nicht erst Jahre später. Steinbeis bietet dafür einen außergewöhnlich flexiblen Rahmen. Statt auf den nächsten Förderaufruf zu warten, arbeiten wir frühzeitig mit Unternehmen zusammen und entwickeln individuelle Lösungen für ihre konkreten Herausforderungen.
Mitja Echim:
Ein weiterer Vorteil, den wir zunächst selbst erkennen mussten, ist die unternehmerische Eigenverantwortung. Als Transferunternehmen nutzen wir dafür unterschiedliche Wege – von gemeinsamen Entwicklungsprojekten über Patente und Ausgründungen bis hin zu Softwareprodukten und Lizenzmodellen. Rückblickend hat sich genau dieser Ansatz für uns bewährt. Aus einem ersten ESA-Projekt entwickelte sich über viele Jahre ein wachsendes Netzwerk aus Forschungsprojekten, Industriekooperationen, Softwareprodukten und schließlich mehreren Unternehmen. Das Steinbeis-Netzwerk war es dann auch, das uns wertvolle Kontakte eröffnete, insbesondere im Mittelstand. Ein aktuelles Beispiel ist unsere Zusammenarbeit mit Alpha Robotics Germany, die erst durch die Vermittlung innerhalb des Steinbeis-Verbunds entstanden ist und ohne dieses Netzwerk wahrscheinlich nicht zustande gekommen wäre.
Was waren die wichtigsten Meilensteine in der Entwicklung von TOPAS?
Christof Büskens:
Der erste Meilenstein war sicherlich die Entwicklung von WORHP, dem leistungsfähigen Softwarepaket für höchstdimensionale nichtlineare Optimierung und Optimalsteuerung, das bis heute in Wissenschaft und Industrie weltweit eingesetzt wird.
Der zweite Meilenstein war die konsequente Übertragung dieser mathematischen Methoden auf immer neue Anwendungs- und Industriefelder. Daraus entstand eine ebenso einfache wie wichtige Erkenntnis: Unsere Idee funktioniert! Aus einer zunächst eher grundlagenorientierten Forschung entstanden Lösungen für die Raumfahrt, die Automobilindustrie, autonome Systeme, Robotik sowie Energie- und Wasserstoffsysteme und viele weitere Bereiche. Damit wurde deutlich, dass Industriemathematik eine Schlüsseltechnologie für unterschiedlichste Branchen ist.
Mitja Echim:
Der nächste wichtige Schritt war für uns der Aufbau eines interdisziplinären Teams. Erfolgreicher Transfer entsteht nicht allein durch mathematische Exzellenz, sondern durch die enge Zusammenarbeit von Mathematik, Informatik, Ingenieurwissenschaften und den jeweiligen Anwendungspartnern. Erst dadurch konnten wir unseren nächsten Meilenstein, nämlich die Gründung von TOPAS im Jahr 2021, erreichen. Bereits im Vorfeld konnten wir das Land Bremen – insbesondere die Senatorin für Wirtschaft – von unserem Konzept überzeugen und eine langfristige Kofinanzierung für den Aufbau von TOPAS gewinnen. Diese Unterstützung hat den Grundstein für unsere Entwicklung gelegt und ermöglicht es uns, unsere Transferaktivitäten nachhaltig auszubauen.
Ein weiterer wichtiger Meilenstein gelang kurz nach der Gründung gemeinsam mit der Universität Bremen: die Einwerbung von #MOIN – Modellregion Industriemathematik, einem auf neun Jahre angelegten Transferförderprogramm des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Diese Förderung gibt uns die Möglichkeit, unsere Mission des Wissens- und Technologietransfers langfristig zu verfolgen und den Innovationsstandort Nordwestdeutschland nachhaltig zu stärken.
Christof Büskens:
Dass dieser Transferansatz nachhaltig funktioniert, zeigen auch zwei Auszeichnungen mit dem Transferpreis der Steinbeis-Stiftung – Löhn-Preis. Bereits 2008 wurden wir gemeinsam mit unserem Industriepartner OHB-System für die mathematische Optimierung der Ressourcenplanung von Satelliten ausgezeichnet. Fast zwei Jahrzehnte später folgte nun 2026 ein weiterer Transferpreis für die gemeinsame Entwicklung einer Hard- und Softwareplattform für die autonome Löschrobotik mit unserem Industriepartner Alpha Robotics Germany (s. hier). Für uns spannen diese beiden Auszeichnungen einen Bogen über nahezu zwanzig Jahre erfolgreicher Transferarbeit – von mathematischen Optimierungsverfahren für die Raumfahrt bis hin zu KI-gestützten autonomen Systemen für den Katastrophenschutz. Sie zeigen, dass exzellente Forschung ihren größten Mehrwert dann entfaltet, wenn sie den Weg in die Praxis findet.
Ebenso prägend war die Entwicklung eigener Technologien und Softwarelösungen, die heute in unterschiedlichsten Branchen zum Einsatz kommen. Besonders stolz sind wir darauf, dass wir damit nicht nur Innovationen schaffen, sondern auch dauerhafte Strukturen für den Wissens- und Technologietransfer aufgebaut haben. Für uns zeigt sich der Erfolg immer dann, wenn unsere Forschung einen konkreten Nutzen für Unternehmen schafft und daraus nachhaltige Wertschöpfung für die Region entsteht.
Rückblickend war der wichtigste Meilenstein vielleicht weniger ein einzelnes Ereignis als die Erkenntnis, dass aus exzellenter Mathematik reale Innovationen entstehen können, wenn Wissenschaft und Wirtschaft frühzeitig und partnerschaftlich zusammenarbeiten.
Welche Trends werden Ihrer Meinung nach die Zukunft Ihrer Steinbeis-Unternehmen bestimmen und wie kann Steinbeis Sie auf diesem Weg unterstützen?
Mitja Echim:
Wir stehen derzeit an einem spannenden Wendepunkt. Künstliche Intelligenz entwickelt sich rasant, ihr volles Potenzial entfaltet sie jedoch erst im Zusammenspiel mit mathematischen Modellen, digitalen Zwillingen und Optimierungsverfahren. Genau an dieser Schnittstelle sehen wir die größten Zukunftschancen.
Aus unserer Sicht werden insbesondere autonome Systeme, KI und die zunehmende Automatisierung komplexer technischer Prozesse die kommenden Jahre prägen. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, immer dynamischere Systeme effizient, sicher und nachhaltig zu betreiben – sei es in der Mobilität, der Robotik, der Landwirtschaft, der Energieversorgung oder der maritimen Wirtschaft.
Für uns spielt dabei die Industriemathematik eine Schlüsselrolle. Sie verbindet Daten, physikalische Modelle und Optimierung zu intelligenten Entscheidungssystemen und schafft damit die Grundlage, technologische Möglichkeiten in wirtschaftlich nutzbare Anwendungen zu überführen. Erst durch dieses Zusammenspiel werden digitale Zwillinge und KI in der Lage sein, nicht nur zu analysieren, sondern komplexe Prozesse in Echtzeit zu verstehen, vorherzusagen und optimal zu steuern.
Christof Büskens:
Steinbeis bietet hierfür ein ideales Umfeld. Das Netzwerk ermöglicht es, neue wissenschaftliche Erkenntnisse schnell mit den Anforderungen der Praxis zusammenzubringen, interdisziplinäre Kompetenzen zu bündeln und daraus marktfähige Innovationen zu entwickeln. Genau diese Verbindung aus wissenschaftlicher Exzellenz, unternehmerischem Denken und konsequentem Technologietransfer wird aus unserer Sicht auch künftig der entscheidende Erfolgsfaktor sein.
Unser Ziel ist es auch künftig, aus exzellenter Mathematik Technologien zu entwickeln, die Unternehmen helfen, die großen Herausforderungen unserer Zeit zu lösen – schnell, wissenschaftlich fundiert und gemeinsam mit starken Partnern.
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