40 Jahre
Veröffentlichungsdatum: 31.12.2023 | 0 Kommentare

Das Ziehen am selben Strang: Damit aus Informationen gefestigtes Wissen und Bildung wird

Herauszufinden, wie sich aus dem rein technologischen Wandel auch ein relevanter Nutzen fĂŒr Gesellschaft und Wirtschaft ergeben kann, ist die Mission der Ferdinand-Steinbeis-Gesellschaft der Steinbeis-Stiftung.

Ferdinand von Steinbeis plĂ€dierte schon Mitte des 19. Jahrhunderts fĂŒr eine duale Qualifizierung von Industriearbeitern. Denn in der Industrie sah er das in seinen Worten „mit der Wissenschaft vermĂ€hlte Handwerk“. In der Verbindung von Wissenschaft und Praxis, damals die Basis der Industrialisierung, lag fĂŒr ihn das Ausbildungsziel der Zukunft. Damit begrĂŒndete er die gewerbliche Ausbildung in WĂŒrttemberg. WĂ€hrend Ferdinand von Steinbeis auf Basis von Technologien vorrangig an einer AnnĂ€herung der Industrie hin zur Technikwissenschaft und umgekehrt arbeitete, diskutieren wir rund 150 Jahre spĂ€ter sowohl eine verĂ€nderte Ausrichtung der gesellschaftlichen Offenheit fĂŒr neue Technologien als auch insbesondere der die Technikwissenschaften im Laufe der Zeit immer stĂ€rker begleitenden wirtschaftswissenschaftlichen ForschungsaktivitĂ€ten. Prof. Dr. Heiner Lasi und Prof. Dr.-Ing. Norbert Höptner entwickeln am Ferdinand-Steinbeis-Institut der Ferdinand-Steinbeis-Gesellschaft AnsĂ€tze, um diese VerĂ€nderungen in Wissenschaft und Gesellschaft voranzutreiben.

Ein von Ferdinand von Steinbeis geprÀgtes WissenschaftsverstÀndnis

Obwohl Forschungsleistungen fĂŒr die Reputation ganzer Institutionen und Berufsperspektiven einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entscheidend an Bedeutung gewonnen haben, wird die QualitĂ€t der ForschungsaktivitĂ€ten meist ausschließlich nach rein wissenschaftlichen Kriterien bewertet und nicht in gleicher Weise nach deren gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Nutzen. Diese einseitige Fokussierung hat zunehmend zu einer Entkopplung der zu erforschenden realen PhĂ€nomene und der praktizierenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gefĂŒhrt.

Vor diesem Hintergrund und unter Einbezug des Erbes von Ferdinand von Steinbeis scheint es dringend geboten, das Ideal „dualer wissenschaftlicher Forschung“ (DWF) als „VermĂ€hlung“ von Wissenschaft und Praxis neu zu entdecken: Der wissenschaftliche Erkenntnisfortschritt, der auch den Nutzen fĂŒr Wirtschaft und Gesellschaft einfordert, ist damit Garant fĂŒr eine fortschrittsorientierte Zukunft und wird so zu unserem VermĂ€chtnis.

In der praktischen Umsetzung der dualen wissenschaftlichen Forschung kann dies ĂŒber ein zwei-polares Zielsystem erreicht werden:

  1. Gute wissenschaftliche Forschung bringt hochkarĂ€tige Publikationen in internationalen wissenschaftlichen Organen hervor – daran mĂŒssen sich auch die DWF sowie die Wissenschaftlerin und der Wissenschaftler ohne Abstriche messen lassen, ein hoher Publikationsscore ist erstrebenswert.
  2. DWF hat einen „Real World Impact“ (RWI) [1] der sich direkt anhand eines Indikators messen lĂ€sst. Dieser Anspruch erhöht zum einen die gesellschaftliche Akzeptanz und dient zum anderen der Selbststeuerung von Forschenden. Wissenschaft, deren Erkenntnisse nachvollziehbaren Nutzen stiftet, erweist sich fĂŒr alle Beteiligten auch als sinnstiftend. Dies erleichtert nicht nur die Finanzierung von Forschungsvorhaben, sondern ist aktuell ein wichtiger Attraktor fĂŒr hervorragende Forscherinnen und Forscher.

„Steinbeis-Forschung“ zeichnet sich also dadurch aus, dass sĂ€mtliche Vorhaben dezidiert sowohl den Erkenntnisfortschritt fĂŒr die Wissenschaft als auch den Nutzen fĂŒr die Praxis dokumentieren können. Dies war und ist unter anderem der Anspruch an jede Dissertation, die an der Steinbeis Hochschule durchgefĂŒhrt wird.

Aus der bisher gemachten Erfahrung stellt der RWI-Indikator in Verbindung mit dem Publikationsscore eine gute Möglichkeit der Selbstreflektion und Steuerung dar. Institutionen wie Forschende sind damit in der Lage, selbstkritisch Forschungsvorhaben zu bewerten und den Ressourcen- und Zeiteinsatz zu allokieren. In Bezug auf die PublikationsfĂ€higkeit von Erkenntnissen der DWF ist die Erfahrung, dass wegen der Verortung der Forschung im „echten Leben“ unter der Voraussetzung des Einhaltens hoher methodischer AnsprĂŒche und soliden wissenschaftlichen Arbeitens die PublikationsfĂ€higkeit steigt. „Real Cases“ – so die Erfahrung – ĂŒberzeugen eben auch wissenschaftliche Gutachter.

Gesellschaftliche Offenheit fĂŒr technologische und industrielle Errungenschaften

In dem von Ferdinand von Steinbeis postulierten Ansatz der VermÀhlung von Handwerk (Praxis) mit Wissenschaft ist neben dem WissenschaftsverstÀndnis auch eine gesellschaftliche Offenheit adressiert:

  • Was Handwerk tut und welche Werkzeuge Verwendung finden, ist fĂŒr die Gesellschaft nachvollziehbar.
  • Der Nutzen der durch das Handwerk erbrachten Leistungen stellt keinen Grund zur Sorge oder Anlass zur Skepsis, sondern einen erwĂŒnschten Fortschritt dar.

Verwunderlich mag daher sein, dass industrielle Prozesse und Erzeugnisse (Hardware, Software und Dienstleistungen) zumindest in Teilen der Gesellschaft heute auf große Skepsis bis hin zur Ablehnung stoßen. Haben wir hier den Grundsatz von Ferdinand von Steinbeis verlassen, dass Prozesse und Ergebnisse „einfach verstĂ€ndlich“ und im Nutzen „relevant“ wie das Handwerk zu sein haben?

Eine schnelle Erwiderung mit dem Argument, dass die Welt seit den Zeiten Ferdinand von Steinbeis‘ schneller, komplizierter und in Teilen komplexer geworden ist, mag als ErklĂ€rung zunĂ€chst einleuchten. Vielleicht sollte aber auf Basis unseres Erbes die Herausforderung angenommen werden, vermehrt die Gesellschaft in den Blick zu nehmen und industrielle Errungenschaften in nachvollziehbare Komponenten des „Handwerks“ und der „Wissenschaft“ zu zerlegen und zu erlĂ€utern.

Der Frage, wie eine solche Dekomposition und breite gesellschaftliche Diskussion erfolgen kann, hat sich der Interaktivrat (IAR) [2] des Ferdinand-Steinbeis-Instituts (FSTI) gewidmet. Dabei ist ein Werte-Kreislauf-Modell [3] entstanden, das aus vier Phasen besteht. Als Bindeglied zwischen einem neutralen VerstĂ€ndnis und der individuellen Bewertung – also der gesellschaftlichen Akzeptanz – nehmen dabei Werte eine zentrale Rolle ein.

Das Werte-Kreislauf-Modell legt uns nahe, neue Technologien als vertrauensbildende Maßnahme so frĂŒh wie möglich in wertschĂ€tzender Weise mit den Menschen in BerĂŒhrung zu bringen – wertschĂ€tzend sowohl im Hinblick auf das jeweilige Lebensalter als auch mit Blick auf die Entwicklungsreife. Letztlich wird so ein Bildungs- und Forschungsmodell beschrieben, bei dem permanent mit Neugierde und Freude Neues erforscht und gelernt wird und zum anderen die IntegritĂ€t aller beteiligten Partner gewĂ€hrleistet ist.

Hier liegt der eigentliche revolutionĂ€re Gedanke: Wir ziehen alle gemeinsam an demselben Strang, nĂ€mlich uns bestmöglich zu informieren. Das bedeutet MĂŒhe. Denn dann reicht es nicht aus, sich zu einem Thema das eine oder andere kurze Social-Media-Statement anzusehen. Damit fordern wir nicht die Abschaffung der Social-Media-KanĂ€le, sondern im Gegenteil eine verantwortungsvolle Nutzung der Vielfalt an darin enthaltenen Informationen. Die Menschheit hatte noch nie einen so einfachen Zugang zu Informationen wie heute. Aber wir mĂŒssen ein intrinsisches BedĂŒrfnis nach mehreren und unterschiedlichen Quellen entwickeln, um so aus Information gefestigtes Wissen werden zu lassen – also Bildung.

Hier ist in den vergangenen Jahren eine Kluft zwischen Wissenschaft und Praxis sowie der Gesellschaft entstanden, die es als Herausforderung fĂŒr die Zukunft zu schließen gilt. Neben dem Anliegen, Wissenschaft und Praxis enger zu verzahnen, gehört daher zu einem modernen VerstĂ€ndnis der Gedanken von Ferdinand von Steinbeis die ErgĂ€nzung um den Aspekt des werteorientierten gesellschaftlichen Diskurses.

Ferdinand von Steinbeis hat der Gesellschaft Wege aufgezeigt, wie auf interessante Weise neue industrielle Prozesse und Produkte kennengelernt und erlebt werden können. Dies war seine Vorgehensweise, um den Technologietransfer als Wirtschaftsförderung einzusetzen.

Heute hilft der Steinbeis-Verbund ganz im Sinne des Ferdinand-von-Steinbeis-Erbes dem modernen Menschen, sich im Technologie-Universum zurechtzufinden und unterstĂŒtzt so nachhaltig die notwendigen Transformationsprozesse. Das fördert also wiederum die Wirtschaft, ergĂ€nzt um die gesellschaftliche Ebene und trĂ€gt damit zu einer StĂ€rkung der demokratischen Lebensweise bei. Als Team am Ferdinand-Steinbeis-Institut wirken wir hier an vorderster Front mit.

WeiterfĂŒhrende Informationen

[1] Zur belastbaren Messung und Dokumentation wurde von der Arbeitsgruppe Forschung der Steinbeis Hochschule ein Real World Impact (RWI)-Indikator entwickelt. Mittels des RWI-Indikators kann die Forschungsleistung in den Dimensionen „originĂ€rer wissenschaftlicher Erkenntnisfortschritt“ und „Lösungsbeitrag zu einem „echten“ wirtschaftlich, technisch oder gesellschaftlich geprĂ€gten Problem (Transferbeitrag)“ gemessen und gesteuert werden.

[2] Der Interaktivrat des FSTI ist ein interdisziplinÀrer Kreis von Persönlichkeiten, die auf Basis neu aufkommender Technologien den gesellschaftlichen Diskurs des Instituts begleiten.

[3] AusfĂŒhrliche Informationen zum Werte-Kreislauf-Modell finden sich im Steinbeis Transfer-Magazin Ausgabe 02/2023

Kontakt

Prof. Dr. Heiner Lasi

Akademischer Leiter und GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Ferdinand-Steinbeis-Gesellschaft fĂŒr transferorientierte Forschung gGmbH der Steinbeis-Stiftung (FSG)

Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. Norbert Höptner

Senior Research Fellow am Ferdinand-Steinbeis-Institut, bis 2017 Leiter des Steinbeis Europa Zentrums und Europabeauftragter der Wirtschaftsministerin von Baden-WĂŒrttemberg

Zuletzt geÀndert am 19.01.2026

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