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Neue Wertschöpfung, alte Finanzierung
Datenbasierte Geschäftsmodelle zwingen das Finanzierungssystem zum UmdenkenDie gleichzeitige grüne und digitale Transformation der Wirtschaft, oft „Twin Transformation“ genannt, stellt bestehende Strukturen und eingeschwungene Paradigmen grundlegend infrage. Während Deutschland früher aus einer industriellen Stärke heraus hochwertige Produkte in die Welt lieferte und dies in einem Zeitalter nahezu kostenloser Energie leisten konnte, hat sich in den vergangenen Jahren gezeigt, dass dieses produktorientierte Denken nicht mehr so funktioniert wie bisher, sondern an seine Grenzen stößt. Rohstoffe und Energie werden teurer und deren Wegwerfen ist zunehmend weniger wirtschaftlich. Weiter haben seit der Jahrtausendwende Unternehmen an Momentum gewonnen, deren Leistung nicht mehr produktzentrisch ist. Daten spielen bei vielen Unternehmen eine zunehmend dominante Rolle bei der Wertschöpfung.
Jeder dieser Trends allein führt zu erheblichen Veränderungen in unserer Wirtschaft. Beide Trends parallel führen zu einer Vervierfachung der Komplexität und zu einem signifikanten Veränderungsbedarf. Im internationalen Vergleich zeigt sich jedoch, dass Deutschland und Europa stärker auf die Bewahrung historisch erfolgreicher Systeme ausgerichtet sind als auf die konsequente Entwicklung neuer Strukturen. Nach Einschätzung von Jürgen Jähnert führt diese Pfadabhängigkeit zu einer geringeren Bereitschaft, bestehende Modelle zu hinterfragen oder aktiv zu ersetzen. Dabei ist genau dies im Sinne der „schöpferischen Zerstörung“ eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftlichen Fortschritt. Beim Aufgreifen dieser Trends stellt sich für Unternehmen die Frage, ob ein solcher Wandel hin zu neuen Paradigmen aus eigener Kraft bewältigt werden kann oder ob externes Wissen, etwa durch Beteiligungen oder Übernahmen, erforderlich ist. Ebenso stellt sich die Frage, wie schnell ein solches Unternehmen anschließend integriert werden sollte.
Grundsätzlich gilt: Wo immer Innovation und Veränderung auftreten, entstehen durch die natürliche Trägheit des Menschen Widerstände. Um diese zu überwinden, ist zusätzliche Energie erforderlich. In Krisenzeiten ist die hierfür benötigte Energie jedoch geringer. „Company Building ist somit das zentrale Gestaltungselement der Twin Transformation, wenn man entweder intern nicht über die erforderlichen Kompetenzen verfügt oder innerbetriebliche Widerstände befürchtet und eine Veränderung erst einmal extern implementiert”, meint Jürgen Jähnert. Seine klare Konsequenz: Deutschland ist mehr denn je auf die systematische Schaffung neuer Unternehmen angewiesen, die sich den neuen Herausforderungen stellen und auf Basis der neuen Paradigmen wirtschaften. Professionelles Company Building wird damit zu einem entscheidenden Faktor für Zukunftsfähigkeit. Vor dem Hintergrund, dass Daten eine immer zentralere Rolle in der Wertschöpfung spielen, auch wenn es in der praktischen Umsetzung hierzulande noch erheblichen Nachholbedarf gibt, ändert sich dadurch auch die Finanzierungsarithmetik dieser neuen Unternehmen.
Neue Wertschöpfungslogiken treffen auf alte Finanzierungsmodelle
Mit dem Wandel der Wirtschaft verändert sich auch die Logik von Geschäftsmodellen. Traditionelle, stark produktionsgetriebene Ansätze verlieren an Bedeutung. Konzepte wie „local-for-local“ sowie das Aufholen ehemaliger Niedriglohnländer führen dazu, dass klassische Skalierungslogiken unter Druck geraten. Stattdessen rücken nutzungszentrierte Modelle in den Fokus: Wert entsteht zunehmend durch Nutzung statt Besitz. Dies gilt insbesondere im Kontext der Kreislaufwirtschaft, in der Langlebigkeit, Reparierbarkeit und Ressourceneffizienz im Mittelpunkt stehen.
Während sich die ökonomische Realität also verändert, bleibt die Finanzierungslogik in Deutschland weitgehend unverändert. Sie ist geprägt von Fremdkapital, Sicherheiten und materiellen Vermögenswerten. Daten hingegen werden bislang kaum als finanzierungsfähige Assets anerkannt. „Für das Company Building hat dies gravierende Folgen: Nutzungszentrierte und datenbasierte Geschäftsmodelle haben einen höheren Vorfinanzierungsbedarf und lassen sich gleichzeitig schwer mit klassischen Fremdkapitalinstrumenten finanzieren. Es entsteht eine strukturelle Finanzierungslücke, gerade für jene Modelle, die für die Twin Transformation besonders relevant sind“, erklärt Jürgen Jähnert. Eine Erhebung von bwcon unter Volksbanken und Kreissparkassen bestätigt dies: Datenbasierte Wertschöpfung wird häufig nicht oder nur mit erheblichen Risikoabschlägen finanziert. Als Gründe werden regulatorische Anforderungen, zum Beispiel Basel III, fehlende Erfahrungswerte und eine eingeschränkte Verwertbarkeit genannt.
Paradigmenwechsel in der Finanzierung
Der Wandel vom Verkauf zum Betrieb verändert Unternehmen grundlegend. Hersteller werden zu Betreibern, Wertschöpfung entsteht durch kontinuierliche Nutzung und datengetriebene Optimierung. Entscheidend ist dabei die Fähigkeit, langfristige Cashflows basierend auf Daten zu generieren. Während in den USA datenbasierte Geschäftsmodelle zunehmend als Grundlage für Finanzierungsentscheidungen anerkannt werden, gelten Daten in Deutschland weiterhin selten als „bankable“. Sie können nicht beliehen werden und finden in klassischen Bewertungsmodellen kaum Berücksichtigung.
Ein wesentlicher Unterschied liegt in der Finanzierungsstruktur: In Nordamerika erfolgt die Finanzierung von Start-ups überwiegend über Eigenkapital. Instrumente wie SAFE (Simple Agreement for Future Equity) vermeiden die Nachteile klassischer Fremdkapitalfinanzierung. In Deutschland hingegen dominieren selbst in frühen Phasen Fremdkapitalinstrumente wie Wandeldarlehen. Diese wirken sich negativ auf die Eigenkapitalquote aus und können zu regulatorischen Problemen führen, etwa im Kontext des EU-Beihilferechts.
Vor diesem Hintergrund hat bwcon ein SAFE-ähnliches Finanzierungstemplate für Deutschland entwickelt. „Dieses versteht sich nicht als isoliertes Instrument, sondern als Bestandteil eines neuen Finanzierungsparadigmas, das besser mit datenbasierten Geschäftsmodellen kompatibel ist“, fasst Jürgen Jähnert zusammen. Allerdings zeigen erste europäische Anwendungsszenarien, etwa in deutsch-polnischen Konstellationen, dass weiterhin erhebliche Unterschiede in Bilanzierung und rechtlicher Behandlung bestehen. Eine echte Harmonisierung auf europäischer Ebene ist bislang nicht erreicht.
Ansätze für eine zukunftsfähige Finanzierungsarchitektur
Die Transformation der Wirtschaft ist nicht nur technologisch und ökologisch, sondern auch eine Frage der richtigen Finanzierungsinstrumente. Nutzungszentrierte und datenbasierte Geschäftsmodelle erfordern ein Umdenken: weg von sicherheitengetriebenen, hin zu zukunftsorientierten Finanzierungsansätzen. Das SAFE-Template von bwcon ist ein Schritt in diese Richtung. Jürgen Jähnert ist überzeugt, dass es langfristig darauf ankommen wird, Finanzierung, Geschäftsmodellinnovation und Company Building stärker zusammenzudenken, um den Übergang zu einer zirkulären und datengetriebenen Wirtschaft erfolgreich zu gestalten.
Mehr Informationen unter www.bwcon.de/de/aktuelles/detail/finanzierungsinstrument-safe
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