Energie & Nachhaltigkeit Management & Unternehmensentwicklung Industrie & Produktion
Veröffentlichungsdatum: 07.09.2026 | 0 Kommentare

Nachhaltigkeit aus der Belegschaft heraus

Wie aus einer „Grassroots“-Initiative ein Nachhaltigkeitsbeirat wurde

Das Thema Nachhaltigkeit spielt in Unternehmen eine immer wichtigere Rolle: Einerseits durch die bewussten Kaufentscheidungen der Verbraucher, andererseits durch das wachsende Verantwortungsbewusstsein der Unternehmen für die sozialen, ökologischen und ökonomischen Auswirkungen ihres Handelns. Ein besonders gelungenes und außergewöhnliches Beispiel für eine nachhaltige Transformation aus der Belegschaft heraus stellt der Nachhaltigkeitsbeirat der Fohhn Audio AG dar. Unterstützt wurde das Unternehmen vom Stuttgarter Steinbeis-Beratungszentrum climate solutions.

Nachhaltige Technologien zur effizienteren Energienutzung und Reduzierung von CO₂-Emissionen werden zunehmend die Geschäftswelt prägen. Erneuerbare Energien, grüne Bauweisen, emissionsfreie Fahrzeuge und umweltfreundliche Produktionsmethoden definieren den zukünftigen Standard. Intelligente nachhaltige technologische Lösungen sind die Basis für kommende Innovationen.

Schritte zur nachhaltigen Transformation

Vor diesem Hintergrund hat das Team am Steinbeis-Beratungszentrum climate solutions die wichtigsten Ziele für Unternehmen auf dem Weg zu einer erfolgreichen Transformation identifiziert und Handlungsempfehlungen entwickelt. Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, sollten Unternehmen ihre Ressourceneffizienz durch Ansätze wie Kreislaufwirtschaft und Lean Manufacturing steigern. Gleichzeitig gewinnt die Substitution durch neue biobasierte Materialien sowie Recycling- und Upcycling-Konzepte an Bedeutung. Ein weiteres Ziel ist die Energie- und Ressourcenkopplung, beispielsweise durch Sektorkopplung und die Nutzung von Abwärme. Darüber hinaus stellen digitale Technologien wie künstliche Intelligenz, Big Data, Blockchain und das Internet of Things wichtige Hebel dar, um Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit miteinander zu verbinden. Bestehende Geschäftsmodelle müssen neu gedacht werden, etwa durch Konzepte der Sharing Economy, die Verlängerung von Produktlebenszyklen oder Pay-per-Use-Modelle. Nicht zuletzt spielt die Kooperation mit Partnern aus Industrie, Forschung und Innovationsnetzwerken, beispielsweise mit Start-ups oder dem Steinbeis-Verbund, eine zentrale Rolle.

Zur Umsetzung dieser Ziele empfiehlt Steinbeis-Unternehmer Jürgen Gackstatter zunächst die Durchführung eines Ressourcen-Checks, mindestens in Form einer CO₂-Bilanz für Scope 1 und 2. Hierbei kann zum Beispiel der Nachhaltigkeitsbonus der L-Bank genutzt werden. In diesem Rahmen erstellt das Steinbeis-Unternehmen kostenfrei eine CO₂-Bilanz einschließlich einer Roadmap mit konkreten Maßnahmen zur Halbierung der Emissionen bis zum Jahr 2030. Darüber hinaus sollten Pilotprojekte, beispielsweise im Bereich von Kreislaufverpackungen oder Energieeffizienzmaßnahmen, initiiert werden, um erste Erfahrungen zu sammeln und Potenziale zu identifizieren. Ergänzend empfiehlt sich die Einführung digitaler Tools für das Verbrauchsmonitoring sowie zur Unterstützung von Optimierungsmaßnahmen, um nachhaltige Verbesserungen systematisch voranzutreiben.

Von der Theorie zur erfolgreichen Praxis: Der Nachhaltigkeitsbeirat der Fohhn Audio AG

Das Steinbeis-Team hat die erarbeiteten Handlungsempfehlungen bereits erfolgreich in die Unternehmenspraxis umgesetzt. Ein besonders spannendes Projekt war die Zusammenarbeit mit dem Nachhaltigkeitsbeirat der Fohhn Audio AG in Nürtingen. Das Gremium wurde Anfang 2021 als „Grassroots“-Initiative engagierter Mitarbeitender gegründet und von der Geschäftsführung unterstützt. Es besteht aus rund einem Dutzend Mitarbeitenden aus allen Hierarchieebenen und Fachbereichen, die sich regelmäßig treffen.

Das Ziel des Beirats besteht darin, Nachhaltigkeit und Klimaschutz im Unternehmen zu stärken sowie die CO₂-Bilanz zu verbessern, ohne Emissionsgutschriften zu kaufen. Die daraus abgeleiteten Aktivitäten gliedern sich in drei Handlungsfelder:

  • Ökologische Verantwortung: Gebäude, Energie, Photovoltaik, Verpackung, Mobilität
  • Ökonomische Verantwortung: Nachhaltige Lieferkette, langfristige Kooperationen
  • Soziale Verantwortung: Mitarbeitendengesundheit, Ausbildung, Human-Rights-Standards

Im Rahmen seiner Tätigkeit hat der Beirat mit Unterstützung des Expertenteams um Jürgen Gackstatter bereits mehrere Projekte erfolgreich umgesetzt. Dazu zählt die Realisierung eines KfW-55-Gebäudes mit Smart-Building-Steuerung, einer Photovoltaikanlage mit 135 kWp, Wärmerückgewinnung sowie Ladeinfrastruktur und E-Mobilitätslösungen. Darüber hinaus wurde ein Corporate Carbon Footprint (CCF) nach dem Greenhouse Gas Protocol erstellt, bei dem die Emissionen der Scopes 1 bis 3 bilanziert und durch das Steinbeis-Team zertifiziert wurden. Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Verpackungsoptimierung mit rückverfolgbarer Einwegvermeidung, der Reduktion nicht nachhaltiger Materialien sowie dem Einsatz von Recyclingkartons und FSC-zertifizierten Holzschutzklötzen. Auch die Lieferkettengestaltung wurde gezielt weiterentwickelt, mit einem klaren Fokus auf regionale Beschaffung: So befinden sich 75 % der Lieferanten im Umkreis von 400 Kilometern, von denen wiederum 80 % langfristige Partner sind. Ergänzend wurden Maßnahmen im Bereich Mobilität und Mitarbeitende umgesetzt, darunter Bike-Leasing-Angebote, eine Standortstudie sowie PV-gestütztes Laden.

Um diese und weitere Schritte realisieren zu können, ging der Nachhaltigkeitsbeirat mehrere Kooperationen mit Hochschulen ein, unter anderem mit der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und der Hochschule Reutlingen, insbesondere in den Bereichen Forschung, studentische Projekte und CO₂-Analysen – das ist gelebter Wissens- und Technologietransfer aus der Wissenschaft in die Praxis.

Einzigartig und wirkungsvoll

Der Beirat agiert als internes Steuerungsgremium: Er bringt Ideen aus dem Betrieb ein und gewährleistet deren Unterstützung durch die Geschäftsführung. Zahlreiche seiner Maßnahmen wurden bereits in Normen (ISO 14001) und Zertifikaten (ISO 9001, DIN EN 54-24) verankert sowie im Nachhaltigkeitsbericht des Unternehmens dokumentiert. Laut aktuellem Bericht sind Organisation, Mission, Handlungsfelder und Projektinitiativen des Gremiums transparent dokumentiert. Der Nachhaltigkeitsbeirat der Fohhn Audio AG zeigt damit beispielhaft, wie ein engagiertes Gremium aus Mitarbeitenden Nachhaltigkeit wirkungsvoll im gesamten Unternehmen verankern kann – mit externer Begleitung, messbaren Ergebnissen und klarer Verankerung in Management und Berichtswesen.

„Uns liegen derzeit keine weiteren öffentlich dokumentierten Beispiele von baden-württembergischen KMU vor, die wie die Fohhn Audio AG einen formellen Nachhaltigkeitsbeirat eingerichtet haben“, unterstreicht Jürgen Gackstatter die Bedeutung des Pilotprojekts. In vielen mittelständischen Unternehmen sind Nachhaltigkeitsinitiativen zwar präsent, etwa durch Think-Tanks, Klimagruppen oder Projektteams, doch die Struktur eines fest verankerten Gremiums ist selten und wird meist nicht öffentlich hervorgehoben. Formelle Beiratsstrukturen bleiben hingegen überwiegend größeren Unternehmen oder konzernnahen Gesellschaften vorbehalten.

Für KMU ist die Fohhn Audio AG ein überzeugendes Best-Practice-Beispiel für ein Einstiegsmodell. Die wesentlichen Aspekte sind dabei ein formales Gremium aus Mitarbeitenden aller Ebenen, regelmäßige Sitzungen mit klar definierten Zielen, Projektvorschlägen und Reviews sowie die Unterstützung durch externe Coaching-Partner, beispielsweise Steinbeis-Experten. Darüber hinaus empfiehlt sich die Integration in Zertifizierungs- und Managementsysteme, um Nachhaltigkeitsaktivitäten langfristig zu verankern.

„Nachhaltigkeit ist in mittelständischen Unternehmen zwar stark vertreten, formelle Nachhaltigkeitsbeiräte bleiben jedoch eine Ausnahme. Die Fohhn Audio AG stellt damit weiterhin einen herausragenden Referenz-Case für KMU mit einem etablierten Nachhaltigkeitsgremium dar“, fasst Jürgen Gackstatter zusammen.

„Das Leitprinzip war von Beginn an: Hilfe zur Selbsthilfe“

Im Gespräch mit dem Steinbeis-Unternehmer Jürgen Gackstatter und Michael Golm, Nachhaltigkeitsmanager der Fohhn Audio AG

Herr Golm, was war der Auslöser für die Gründung des Nachhaltigkeitsbeirats und wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Steinbeis-Beratungszentrum?

Der Nachhaltigkeitsbeirat entstand aus einer sogenannten Graswurzelbewegung. Mitarbeitende aus verschiedenen Abteilungen und Hierarchieebenen haben sich zusammengetan, da sie ein intrinsisches Interesse am Thema Nachhaltigkeit hatten. Die Geschäftsführung hat sich sofort dahinter gestellt und aktiv mitgewirkt. In den ersten Treffen wurden Werte, Ziele und erste Projekte gemeinsam entwickelt. Eines der ersten Projekte war die Erstellung einer CO₂-Bilanz. In diesem Zuge entstand die Zusammenarbeit mit dem Steinbeis-Beratungszentrum, das uns seitdem bei der CO₂-Bilanz unterstützt.

Herr Gackstatter, was zeichnet dieses Projekt Ihrer Meinung nach besonders aus und welche Aufgaben hatte Ihr Steinbeis-Unternehmen darin?

Das Leitprinzip war von Beginn an „Hilfe zur Selbsthilfe“: Know-how-Transfer statt externer Dauerbetreuung und Aufbau von Nachhaltigkeitskompetenz im Unternehmen statt Abhängigkeit. Die Fohhn Audio AG setzt auf strategische Nachhaltigkeit. Unser Steinbeis-Beratungszentrum begleitet das Unternehmen dabei als Kompetenzpartner. Die erste Klimabilanz für Scope 1, 2 und 3a im Jahr 2021 wurde von uns erstellt. Heute liegt der externe Anteil nur noch bei 25 % und selbstverständlich stellen wir nach entsprechender Prüfung das unabhängige CCF-Zertifikat (Corporate Carbon Footprint) aus.

Herr Golm, konnten Sie die ursprünglichen Ziele erreichen und wie soll die Arbeit des Nachhaltigkeitsbeirats künftig fortgeführt werden?

Da die Reduktion der CO₂-Emissionen ein fortlaufender Prozess ist, wurde das Ziel der vollständigen Reduktion ohne Zukauf von Zertifikaten noch nicht erreicht. Was wir jedoch erreicht haben, ist die Ausweitung der CO₂-Bilanz auf mehrere Scope-3-Kategorien. Somit haben wir ein aussagekräftigeres Bild von unserem Einfluss auf die Umwelt und wissen genau, wo unsere größten Baustellen sind, um uns zu verbessern. In Zukunft arbeiten wir weiter daran, unseren Umwelteinfluss im Rahmen unserer Möglichkeiten zu reduzieren. Hierfür sind die Projekte des Nachhaltigkeitsbeirats und das Engagement der Mitarbeitenden, die daran mitwirken, enorm wichtig. Von ihnen kommen die Ideen und der Tatendrang diese umzusetzen.

Herr Gackstatter, welche Erfahrungen haben Sie aus diesem Projekt gewonnen und wie können Sie diese in Ihrer weiteren Arbeit nutzen?

Unser Steinbeis-Beratungszentrum verfolgte einen konsequenten Empowerment-Ansatz: Ziel war die Befähigung der Mitarbeitenden im beratenen Unternehmen, die Klimabilanzierung dauerhaft weitgehend selbstständig umzusetzen und weiterzuentwickeln. Dies ist gelungen. Wir sind nicht von möglichen Folgeaufträgen getrieben, sondern verstehen uns als Partner in einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe mit dem Ziel eines nachhaltigen und dauerhaften Wissenstransfers.

Kontakt

Jürgen Gackstatter (Autor & Interviewpartner)

Steinbeis-Unternehmer
Steinbeis-Beratungszentrum climate solutions (Stuttgart)

Michael Golm (Interviewpartner)

Nachhaltigkeitsmanager
Fohhn Audio AG (Nürtingen)

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Zuletzt geändert am 07.09.2026

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