Wirtschaftsförderung
Veröffentlichungsdatum: 25.09.2026 | 0 Kommentare

„Innovation ist ein Mannschaftssport“

Katrin Abt und Guy Selbherr im Gespräch über Company Building und Start-up-Förderung

Company Building verspricht, Innovationen schneller in erfolgreiche Unternehmen zu überführen. Doch welche Voraussetzungen müssen dafür erfüllt sein? Katrin Abt (L-Bank Baden-Württemberg) und Guy Selbherr (Bürgschaftsbank Baden-Württemberg) sind Branchenkenner und Mitglieder im Kuratorium der Steinbeis-Stiftung. Sie sprachen mit der TRANSFER über Finanzierung, Unternehmertum, Netzwerke und die Erfolgsfaktoren eines starken Innovationsökosystems.

Frau Abt, Herr Selbherr, Company Building gilt vielen als Antwort auf strukturelle Innovationshürden. Was unterscheidet diesen Ansatz aus Ihrer Sicht von klassischen Gründungs- oder Transfermodellen?

Guy Selbherr: 
Company Building ist ein revolutionärer Ansatz im Vergleich zu klassischen Modellen. Während Ausgründungen oder Transfermodelle oft bei der Ideenentwicklung oder dem Technologietransfer enden, geht Company Building den entscheidenden Schritt weiter: Es verbindet technologische Innovation von Beginn an mit unternehmerischer Umsetzungskompetenz und baut daraus sofort marktfähige Unternehmen auf. Das geschieht mit erfahrenen Teams, belastbaren Geschäftsmodellen und einer klaren Skalierungsstrategie. Studien wie der Global Corporate Venture Building Report 2026 – EY-Parthenon – zeigen, dass dieser Ansatz die Time-to-Market um bis zu 40 % verkürzt und die Erfolgsquote bei disruptiven Ideen signifikant steigert. Allerdings hat das Modell Grenzen: Es erfordert hohen Kapital- und Know-how-Einsatz und eignet sich daher vor allem für skalierbare, disruptive Vorhaben. Für die meisten Fälle, die wir bei der Bürgschaftsbank und MBG bewerten, wäre ein reines Company-Building-Modell überdimensioniert. Aber: Einzelne Elemente – wie die frühzeitige Integration von Marktvalidierung oder agile Teamstrukturen – sollten systematisch auch in Förderprogramme einfließen.

Katrin Abt: 
Company Building gilt für viele deshalb als spannender Ansatz, weil es eine Lücke adressiert, die wir im Innovationssystem seit Jahren beobachten: Wir sind sehr gut darin, Wissen, Technologien und Patente zu erzeugen. Aber wir tun uns oft schwer damit, daraus schnell erfolgreiche Unternehmen zu entwickeln. Klassische Transfer- oder Gründungsmodelle gehen häufig von einer vorhandenen Technologie oder einer Gründeridee aus. Danach beginnt die Suche nach Kapital, Managementkompetenz, Marktzugang und den richtigen Netzwerken. Company Building dreht diese Logik ein Stück weit um und baut diese Elemente von Anfang an gemeinsam auf. Besonders relevant ist das bei technologiegetriebenen Innovationen hinsichtlich des Transfers aus der Wissenschaft in den Markt. In der L-Bank unterstützen wir Company-Building-Ansätze vor allem über spezialisierte Marktakteure, etwa Frühphasen-Investoren, Venture-Capital-Fonds, Acceleratoren und Inkubatoren, die technologische Kompetenz mit unternehmerischem Aufbau verbinden. In jedem Fall können sich frühphasige wachstumsorientierte und innovative Start-ups für unsere Fördermittel im Rahmen der Programme Start-up BW Pre-Seed und InnoGrowth BW bewerben. Durch die Kooperation mit privaten Investoren gewinnen die Start-ups dadurch neben finanzieller Unterstützung auch immer das notwendige Markt-Know-how, um ihr Geschäftsmodell entsprechend wettbewerbsfähig zu etablieren.

Und welche Rahmenbedingungen brauchen junge technologieorientierte Unternehmen, damit aus einer guten Idee ein tragfähiges Geschäftsmodell entstehen kann?

Guy Selbherr: 
Technologie allein ist kein Erfolgsgarant. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus drei Säulen: Kapitalzugang, unternehmerische Kompetenz und ein starkes Ökosystem. Beim Kapital sehen wir das besonders in der Scale-up-Phase zwischen Produktentwicklung und Markteintritt, wo der Kapitalbedarf explodiert, aber klassische Finanzierungen noch nicht greifen. Im Hinblick auf die unternehmerische Kompetenz müssen Gründer und Gründerinnen nicht nur technologisch brillant, sondern auch marktgetrieben und agil sein. Und nicht zuletzt: Ein starkes Ökosystem definiert sich durch ein starkes Netzwerk, das echte Wertschöpfung schafft mit Hochschulen, Forschung, Investoren, Förderbanken und erfahrenen Unternehmern und Unternehmerinnen.

Die größten Hürden bei der Finanzierung zeigt der Global Deep Tech Report 2026 auf: Über 90 % der Deep-Tech-Start-ups in Europa scheitern nicht an der Technologie, sondern an Finanzierungslücken – besonders im Valley of Death zwischen Seed und Series A. Dabei gewinnt die Marktvalidierung an Bedeutung. Geschäftsmodelle müssen heute iterativ angepasst werden. Agilität und Kundenfokus sind dabei ein Überlebensfaktor. Bei der Regulierung besteht ebenfalls Handlungsbedarf: Lange Entscheidungsprozesse und komplexe Anforderungen bremsen Innovationen aus – auch für Kreditinstitute, die in Fonds investieren wollen. Hier braucht es neue Lösungsansätze und ein klares Ziel. Auch wenn die Konjunktur lahmt, im Deep-Tech-Bereich fehlt es an Fachkräften, was den Teamaufbau erschwert.

Katrin Abt: 
Aus meiner Sicht brauchen technologieorientierte Unternehmen heute vor allem einen klaren Problem-Solution-Fit. Die größte Herausforderung ist häufig nicht die Technologie selbst, sondern der Nachweis, dass sie ein relevantes Problem löst und dafür ein tragfähiger Markt existiert. Förderprogramme wie Start-up BW Pre-Seed unterstützen genau an dieser Stelle, indem sie Finanzierung mit Coaching, Netzwerkzugang und der Begleitung bis zur Markt- und Finanzierungsreife verbinden. Ist dieser Marktnachweis erbracht, beginnt oft die nächste Herausforderung: die Skalierung. Dann müssen Unternehmen Strukturen, Prozesse und Teams aufbauen, um Wachstum überhaupt bewältigen zu können. Dafür wird in der Regel deutlich mehr Kapital benötigt. Gerade größere Wachstumsfinanzierungen sind in Deutschland und insbesondere außerhalb der großen Venture-Capital-Hotspots schwer verfügbar. Die aktuelle Start-up-Monitor-Lage zeigt, dass Deutschland beim Venture-Capital-Angebot im internationalen Vergleich weiterhin Nachholbedarf hat.

Um diese Finanzierungslücke für Unternehmen mit starkem Baden-Württemberg-Bezug und hoher Relevanz für die Zukunftsbranchen des Landes besser zu adressieren, wurde die BW-Capital gegründet. Sie investiert weiterhin vor allem über Venture-Capital-Fonds, um dieses Ökosystem in Baden-Württemberg zu stärken, kann aber auch technologieorientierte Unternehmen in größeren Finanzierungsrunden unterstützen. Damit wollen wir dazu beitragen, dass vielversprechende Unternehmen ihre Wachstumsfinanzierung nicht außerhalb des Landes suchen müssen.

Sie beide sind Mitglieder des Kuratoriums der Steinbeis-Stiftung. Welche Rolle spielen Netzwerke, institutionelle Verantwortung und verlässliche Unterstützungsstrukturen sowie das Zusammenspiel von Kapital, Know-how und unternehmerischer Begleitung für den Erfolg von Company Building und innovationsorientierten Gründungen?

Guy Selbherr: 
Innovation entsteht nie im Alleingang, sie gelingt nur im Miteinander. Erfolgreiche Gründungen brauchen ein Ökosystem aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Investoren, Förderbanken, Unternehmen und erfahrenen Unternehmern und Unternehmerinnen. Leuchtturm-Institutionen wie Steinbeis leisten hier einen wichtigen Beitrag, indem sie Wissen, Praxis und Finanzierung zusammenführen. Gerade in technologieorientierten Bereichen schaffen solche Netzwerke Vertrauen und Markteintrittsgeschwindigkeiten, die einzelne Unternehmen nie erreichen könnten. In meiner Tätigkeit im Kuratorium erlebe ich häufig, wie die Steinbeis-Unternehmen unseren finanzierten Unternehmen konkrete Mehrwerte liefern – sei es durch Zugang zu Testinfrastrukturen, Pilotkunden oder internationalem Know-how. Steinbeis ist Gesellschafter der MBG Baden-Württemberg. Das ist gelebter Mehrwert für die Unternehmen, da die aktive Einbindung zum Beispiel in unserem Entscheidungsgremium die Türen zum Steinbeis-Netzwerk öffnet und großes Wertschöpfungspotenzial bietet.

Erst das intelligente Zusammenspiel von Kapital, Know-how, Netzwerken und unternehmerischer Begleitung schafft die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum. Aktuelle Studien von Alloy Partners belegen: Unternehmen, die alle vier Säulen von Anfang an integrie­ren, erreichen doppelt so hohe Skalierungsraten wie solche, die nur auf Kapital oder Technologie setzen.

Katrin Abt: 
Netzwerke und verlässliche Unterstützungsstrukturen sind für innovationsorientierte Gründungen oft genauso wichtig wie die Finanzierung selbst. Für viele Gründungen ist der Zugang zu einem Erfahrungs- und Partnernetzwerk wie dem von Steinbeis ein entscheidender Erfolgsfaktor. Aus einer guten Idee wird erst dann ein Unternehmen, wenn Know-how, Marktverständnis, Kapital und die richtigen Kontakte zusammenkommen. Gerade beim Company Building zeigt sich, wie wichtig solche Strukturen sind. Erfolgreiche Unternehmen entstehen nicht allein durch eine gute Idee, sondern durch ein Umfeld, das Talente, Technologie, Kapital und Marktzugang zusammenbringt und Gründer über verschiedene Entwicklungsphasen hinweg begleitet. Das ist letztlich die Stärke des Innovationsstandorts Baden-Württemberg.

Gerade bei technologieorientierten Gründungen sehen wir, dass Kapital, Know-how, Netzwerke und unternehmerische Begleitung entlang der gesamten Entwicklung zusammenwirken müssen. Gründerinnen und Gründer benötigen Unterstützung: von der Validierung ihrer Idee bis zur Skalierung und Internationalisierung. Deshalb sind starke Innovationsökosysteme so wichtig. Institutionen wie Steinbeis, die Start-up-BW-Programme Pre-Seed und InnoGrowth BW, Investoren und Förderbanken erfüllen jeweils unterschiedliche Rollen, erzielen ihre größte Wirkung aber im Zusammenspiel. Aus Sicht der L-Bank lautet daher die wichtigste Erkenntnis: Erfolgreiches Company Building entsteht dort, wo Finanzierung, Expertise, Netzwerke und langfristige Begleitung nahtlos ineinandergreifen. Erst dieses Zusammenspiel schafft die Voraussetzungen, damit aus innovativen Ideen nachhaltige und wachstumsstarke Unternehmen werden.

Frau Abt, welche Finanzierungsbedarfe werden beim Company Building aus Sicht einer Förderbank bislang noch unterschätzt?

Katrin Abt: 
Oft werden die über die Forschungs- und Gründungskosten hinausgehenden Kosten unterschätzt, da häufig noch ein Gründerteam gesucht und aufgebaut und die Validierung der Technologie vorangetrieben werden müssen. Hier setzen zu Beginn Start-up BW Pre-Seed und später die Förderinstrumente InnoGrowth BW oder perspektivisch auch die Aktivitäten der BW-Capital an. Denn insbesondere bei Deep-Tech-, Green-Tech- oder Health-Tech-Unternehmen sind Entwicklungs-, Zulassungs- und Markteinführungszyklen häufig deutlich länger als in klassischen Geschäftsmodellen.

Erfolgreiches Company Building bedeutet deshalb nicht nur, eine Technologie zu finanzieren, sondern die Entwicklung eines Unternehmens von der Idee bis zur Skalierung zu begleiten. Staatliche Förderprogramme sind wichtige Hebelinstrumente. Sie ersetzen private Investoren nicht, sondern helfen, privates Kapital zu mobilisieren und Risiken in anspruchsvollen Entwicklungsphasen mitzutragen. Mit der BW-Capital wollen wir darüber hinaus die Wagniskapitallandschaft in Baden-Württemberg stärken, indem wir sowohl in Venture-Capital-Fonds investieren als auch größere Finanzierungsrunden technologieorientierter Unternehmen unterstützen. Erfolgreiches Company Building entsteht dort, wo öffentliche und private Akteure gemeinsam langfristige Wertschöpfung ermöglichen und Unternehmen die Zeit, das Kapital und die Begleitung erhalten, die sie für nachhaltiges Wachstum benötigen.

Welche Förderlogiken passen aus Ihrer Sicht besonders gut zu Company-Building-Ansätzen – und wo stoßen klassische Förderinstrumente an ihre Grenzen?

Katrin Abt: 
Zum Company Building passen solche Förderansätze besonders gut, die unternehmerische Flexibilität zulassen, mehrere Entwicklungsschritte miteinander verbinden und auch den Aufbau und die Weiterentwicklung unternehmerischer Fähigkeiten unterstützen. Förderlogiken mit längeren Zeithorizonten, Meilensteinansätzen und einer gewissen Risikotoleranz kommen dem Company Building häufig deutlich näher als starre, rein projektbezogene Förderungen. Deshalb braucht Company Building Förderinstrumente, die nicht nur Innovation finanzieren, sondern auch Unternehmertum ermöglichen. Denn am Ende entsteht Wertschöpfung nicht allein durch die Erfindung, sondern durch die erfolgreiche Umsetzung im Markt. Gerade aus diesen Gründen sind im Hochtechnologiebereich Eigenkapital- und eigenkapitalähnliche Finanzierungsformen häufig die geeigneten Instrumente, da sie den Unternehmen die notwendige Flexibilität und den langen Entwicklungshorizont bieten, den klassische Fremdfinanzierungen aufgrund der hohen Risiken und zunächst fehlenden Cashflows oft nicht abbilden können. Dies gilt insbesondere für wissenschaftsbasierte Gründungen mit langen Entwicklungs- und Markteinführungszyklen.

Wie sollten Ihrer Meinung nach Förder- und Finanzierungssysteme weiterentwickelt werden, damit aus technologieorientierten Vorhaben schneller tragfähige Unternehmen entstehen können?

Katrin Abt: 
Wir sollten stärker in Innovationsketten denken. Deutschland und Europa sind sehr erfolgreich darin, Forschung hervorzubringen. Wir fördern wissenschaftliche Erkenntnisse, Technologien und Prototypen auf hohem Niveau. Die eigentliche Herausforderung beginnt danach: Wie wird aus einer vielversprechenden Technologie ein Unternehmen, das Kunden gewinnt, Arbeitsplätze schafft und international wächst?

Dafür brauchen wir aus meiner Sicht Förder- und Finanzierungssysteme, die Übergänge besser unterstützen. Besonders wichtig wäre mehr Kapital mit langem Atem. Gerade in Deep-Tech-, Green- oder Life-Science-Bereichen liegen zwischen der ersten technologischen Validierung und einem tragfähigen Geschäftsmodell oft mehrere Jahre. Das erfordert Geduld, Risikobereitschaft und flexible Finanzierungsinstrumente. Aus Sicht einer Förderbank geht es darum, nicht nur Innovationen zu finanzieren, sondern Innovationsfähigkeit. Also gründungsfreundliche Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen gute Ideen schneller den Weg aus dem Labor in den Markt finden.

Erfolgreiche Innovationsökosysteme entstehen dort, wo Finanzierung, Forschung, Unternehmertum und gesellschaftliche Akzeptanz ineinandergreifen. Deshalb sollten wir Innovation nicht nur technologisch, sondern auch kulturell und institutionell stärker fördern.

Herr Selbherr, welche typischen Finanzierungslücken erleben Sie bei jungen Unternehmen in der Aufbau- und Wachstumsphase?

Guy Selbherr: 
Besonders herausfordernd ist die Phase zwischen erfolgreicher Produktentwicklung und der Skalierung des Geschäftsmodells, das sogenannte Scale-up-Gap. Hier explodiert der Kapitalbedarf, gleichzeitig greifen klassische Finanzierungsinstrumente noch nicht. Fehlende Sicherheiten blockieren Bankkredite und unzureichende Daten zur wirtschaftlichen Stabilität erschweren die Risikobewertung. Hohe Wachstumsdynamik geht mit höheren Risiken einher, die viele Investoren scheuen. Die Zahlen sind alarmierend: Laut European Deep Tech Report 2026 erhalten europäische Start-ups nur 17 % der globalen Deep-Tech-Finanzierungen – obwohl 45 % aller Deep-Tech-Start-ups weltweit hier entstehen. In Deutschland fehlt es besonders an Scale-up-Finanzierungen zwischen 5 und 50 Millionen Euro. Wir sehen unsere Rolle bei der Bürgschaftsbank und MBG als Brückenbauer: Durch Bürgschaften reduzieren wir das Risiko für Banken und ermöglichen so Fremdkapital. Mit Beteiligungen – offen oder still – stärken wir das Eigenkapital – schon in frühen Phasen oder für Wachstumssprünge. Durch Netzwerkkooperationen mit Akteuren wie der L-Bank oder Steinbeis schaffen wir Transparenz und Vertrauen.

Was macht ein Vorhaben aus Ihrer Sicht finanzierungsfähig, wenn klassische Sicherheiten noch kaum vorhanden sind?

Guy Selbherr: 
Entscheidend ist die Qualität des Vorhabens, nicht die Höhe der Sicherheiten. Wir prüfen vier Kernfaktoren: Ist das Geschäftsmodell mit klarer Wertschöpfung, idealerweise auch im jeweiligen Umfang skalierbar? Zweitens: Gibt es einen Marktbedarf mit nachweisbarer Kundennachfrage oder nur Technologie auf der Suche nach einem Problem? Drittens: Hat das Gründerteam die unternehmerische und fachliche Kompetenz, um das Vorhaben umzusetzen? Und als vierter Punkt: Ist die Finanzplanung realistisch – und sieht auch für den Worst Case noch Spielraum vor? Wenn diese Faktoren stimmen, können fehlende Sicherheiten durch Förderinstrumente wie Bürgschaften ausgeglichen werden. In frühen Phasen, wenn eine Kapitaldienstfähigkeit noch nicht gegeben ist, sind offene oder stille Beteiligungen die richtige Wahl – auch für kleinere Finanzierungsbedarfe ab 100.000 Euro.

Welche Rolle können Bürgschaften und vergleichbare Instrumente dabei spielen, unternehmerische Entwicklung überhaupt erst zu ermöglichen?

Guy Selbherr: 
Bürgschaften sind Risikotransformatoren: Sie ermöglichen dort Finanzierungen, wo tragfähige Geschäftsmodelle an fehlenden Sicherheiten scheitern würden. Sie reduzieren das Risiko für die finanzierenden Banken um bis zu 80 % und schaffen so überhaupt erst den so wichtigen Zugang zu Fremdkapital. Bei Gründungen belegen externe Untersuchungen, zum Beispiel vom IfM Bonn aus dem Jahr 2025: Über 70 % der von uns unterstützten Vorhaben wären ohne Bürgschaften nicht oder nicht im gleichen Umfang umsetzbar gewesen. Gemeinsam mit Beteiligungskapital der MBG, das das Fundament an verfügbarem Eigenkapital gerade in frühen Phasen oder für Wachstumsschritte erweitert, können wir Finanzierungslösungen bieten, die Innovation, Gründung und Wachstum in Baden-Württemberg schneller in die Umsetzung bringen und die Erfolgswahrscheinlichkeit massiv verbessern. Unser Ansatz ist kein Subventionsmodell, sondern ein Ermöglicher – mit messbarem Impact.

Was denken Sie, welche Entwicklungen werden das Company Building in den kommenden Jahren besonders prägen?

Guy Selbherr: 
Aus meiner Sicht dürften drei Megatrends Company Building bis 2030 prägen: Technologisch werden KI und Deep-Tech die Validierung und Skalierung von Geschäftsmodellen beschleunigen, so senkt generative KI laut McKinsey die Kosten für Prototyping um 60 % und Digitalisierung ermöglicht Echtzeit-Marktfeedback. Finanziell werden die Kapitalgeber selektiver und werden noch stärker auf belastbare Geschäftsmodelle und wirtschaftliche Nachhaltigkeit achten. Erfolgreich werden deshalb diejenigen Akteure sein, die technologisches Know-how, passende Finanzierungsstrukturen sowie unternehmerische und organisatorische Kompetenz miteinander verbinden. Insbesondere in Klimatech, Gesundheitswesen und Industrie 4.0 werden Innovationen durch die KI-gestützte Transformation einen beispiellosen Schub erleben.

Katrin Abt: 
Technologisch erleben wir derzeit eine neue Dynamik. Künstliche Intelligenz, Quantentechnologien, neue Materialien, Biotechnologie oder GreenTech schaffen enorme Innovationspotenziale. Gleichzeitig werden die Technologien komplexer und kapitalintensiver. Das erhöht den Bedarf an Strukturen, die wissenschaftliche Exzellenz systematisch in marktfähige Unternehmen übersetzen.

Genau hier kann Company Building eine zentrale Rolle spielen. Auf der Finanzierungsseite wird die Bedeutung von langfristig orientiertem Kapital weiterwachsen. Gerade in Deep-Tech-Bereichen sprechen wir häufig über Entwicklungszyklen von fünf, sieben oder mehr Jahren. Investoren und Förderinstitutionen werden noch stärker gefragt sein, nicht nur einzelne Technologien zu finanzieren, sondern den gesamten Weg zum skalierbaren Unternehmen zu begleiten. Organisatorisch erwarte ich, dass Company Building zunehmend zu einer Gemeinschaftsaufgabe wird. Erfolgreiche Modelle werden diejenigen sein, die Forschungseinrichtungen, Corporates, Investoren, Förderbanken und erfahrene Unternehmerinnen und Unternehmer eng miteinander vernetzen. Die großen Innovationen der Zukunft entstehen selten isoliert. Sie entstehen dort, wo unterschiedliche Kompetenzen zusammenkommen.

Gleichzeitig wird die Fähigkeit, Forschung schneller in Entrepreneurship zu überführen, weiter an Bedeutung gewinnen. Dafür braucht es gründungsfreundliche Hochschulen, attraktive Rahmenbedingungen für Ausgründungen sowie einen einfacheren und schnelleren Transfer von Technologien und geistigem Eigentum in neue Unternehmen. Entscheidend wird aber nicht nur die Verfügbarkeit von Kapital sein, sondern auch die Geschwindigkeit beim Lernen und Skalieren. Die erfolgreichsten Company-Building-Ansätze werden diejenigen sein, die Technologie, Marktverständnis, Unternehmertum und Finanzierung frühzeitig zusammenbringen und daraus schneller tragfähige Geschäftsmodelle entwickeln können.

Was würden Sie Organisationen raten, die aus Forschung, Know-how oder technologischer Exzellenz heraus gezielt neue Unternehmen aufbauen wollen?

Guy Selbherr: 
Technologische Exzellenz ist ein notwendiger, aber kein hinreichender Ausgangspunkt. Sie ersetzt nicht unternehmerisches Denken, das explizit den Kunden und die Märkte als wesentlichste Determinante einbezieht. Erfolgreiche Ausgründungen entstehen dort, wo Forschung früh mit Marktverständnis, erfahrenen Unternehmerpersönlichkeiten und passenden Finanzierungspartnern zusammengebracht werden. Mein Rat lautet deshalb: Netzwerke gezielt nutzen, interdisziplinäre Teams aufbauen, idealerweise mit Tech-Experten, Business-Developern und Seriengründern. Und natürlich auch die Finanzierung von Anfang an als strategischen Bestandteil der Unternehmensentwicklung mitdenken. Das Wichtigste: Nicht die Technologie steht im Mittelpunkt, sondern das Problem, das sie löst.

Katrin Abt: 
Mein wichtigster Rat wäre, Unternehmertum früh mitzudenken und Innovationen nicht isoliert zu entwickeln. Gerade größere Organisationen tun sich oft schwer damit, ein echtes Start-up-Mindset zu etablieren. Offenheit, Risikobereitschaft und die Bereitschaft, schnell zu lernen und Kurskorrekturen vorzunehmen, sind jedoch zentrale Voraussetzungen, um in einem dynamischen Marktumfeld wettbewerbsfähig zu bleiben.

Deshalb gewinnen Formate an Bedeutung, die etablierte Unternehmen, Start-ups und Forschung zusammenbringen. Ein gutes Beispiel ist die Innovation Challenge, an der sich die L-Bank gemeinsam mit NXTGN beteiligt. Hier arbeiten junge Start-ups an konkreten Herausforderungen baden-württembergischer Mittelständler. Solche Formate ermöglichen frühes Marktfeedback und schaffen Kontakte zu potenziellen Kunden.

Und schließlich würde ich empfehlen, Partnerschaften zu suchen. Die erfolgreichsten Venture-Building-Ökosysteme verbinden Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Investoren, Förderinstitutionen und erfahrene Unternehmerinnen und Unternehmer. Innovation ist heute zunehmend ein Mannschaftssport.

Kontakt

Katrin Abt (Interviewpartnerin)

Mitglied des Kuratoriums
Steinbeis-Stiftung (Stuttgart)

Bereichsleiterin Unternehmensfinanzierung 
L-Bank Baden-Württemberg (Karlsruhe)

Guy Selbherr (Interviewpartner)

Mitglied des Kuratoriums
Steinbeis-Stiftung (Stuttgart)

Vorstand/Geschäftsführung 
Bürgschaftsbank/MBG Baden-Württemberg (Stuttgart)

234219-30
Zuletzt geändert am 25.09.2026

Schreibe einen Kommentar

Durch Anklicken des Buttons „Anfrage senden" stimme ich der Nutzung meiner Daten gemäß den Steinbeis-Datenschutzbestimmungen zu.
Bitte füllen Sie die mit * markierten Felder vollständig aus.