Module und Transportband
Veröffentlichungsdatum: 28.04.2023 | 0 Kommentare

Her mit der Knete!

Steinbeis-Team setzt Automatisierungslösungen bei der Kommissionierung von Modelliermasse um

Modelliermasse lÀsst Kinderherzen hÀufig höherschlagen: Sie ist ein beliebtes Kreativspielzeug, das rÀumliches Denken und die Feinmotorik der HÀnde fördert. Um sie herzustellen, ist ein komplexer, mehrstufiger Prozess erforderlich. Das Team des Steinbeis-Forschungszentrums Automation, Leichtbau und Prozesstechnik (ALP) hat dazu beigetragen, den Schritt der Kommissionierung mittels einer vollautomatisierten Anlage zu optimieren.

Bei der Herstellung von Modelliermasse wird zunĂ€chst die Masse in einem Kneter aus Wachsen, FĂŒllstoffen und Pigmenten gemischt, zu einem Strang mit dem gewĂŒnschten Durchmesser extrudiert und anschließend auf LĂ€nge zugeschnitten. „Da sowohl das Mischen als auch die Extrusion hochproduktive Verfahren sind, ist es mit der Jahresproduktion je einer Maschine möglich, einen signifikanten Teil des Marktbedarfs zu decken“, weiß Steinbeis-Unternehmer Professor Dr.-Ing. Wolfgang Nendel. Um Sortimente mit bis zu zehn unterschiedlichen Farben anzubieten, sind also eine Zwischenlagerung und eine anschließende Kommissionierung notwendig. Dabei werden aus den gelagerten Stangen Pakete mit unterschiedlicher Stangenzahl in der vom Kunden gewĂŒnschten Farbkombination zusammengestellt. Die hohe Variantenvielfalt, die sich aus den Parametern Stangendurchmesser, LĂ€nge, Anzahl, Farbkombination und einfachem beziehungsweise doppeltem Lagenaufbau des Paketes ergibt, stellt in Verbindung mit den LosgrĂ¶ĂŸen hohe Anforderungen an die FlexibilitĂ€t der Kommissionierung. „In Zeiten des schwierigen Recruitings von ArbeitskrĂ€ften, insbesondere in strukturschwachen Regionen, und der steigenden Lohnkosten bei gleichzeitig sinkendem Aufwand zur Realisierung auch komplexer Prozesse ist Automatisierung auch fĂŒr mittelstĂ€ndische Unternehmen eine Notwendigkeit“, erklĂ€rt Steinbeis-Unternehmer Mirko Spieler. Um das in der Modelliermasseproduktion umzusetzen und den Aufwand zu reduzieren sowie die Fertigungstiefe zu erhöhen, entwickelte und realisierte das Steinbeis-Forschungszentrum Automation, Leichtbau und Prozesstechnik (ALP) gemeinsam mit der Professur Strukturleichtbau und Kunststoffverarbeitung (SLK) der TU Chemnitz eine vollautomatisierte Kommissionieranlage.

FlexibilitÀt durch ModularitÀt

Die FlexibilitĂ€t der Anlage wird durch einen modularen Aufbau erreicht, der eine Vielzahl an Sortimenten ermöglicht: Ein erstes Modul stellt fĂŒnf gefaltete PapptrĂ€ger bereit, die dann von zehn baugleichen Modulen mit jeweils ein oder zwei Stangen Modelliermasse bestĂŒckt werden. Dabei können fĂŒr jedes Modul die Anzahl der abzulegenden Stangen, deren Ablageposition und die Lagenanzahl programmiert werden. Die Farbreihenfolge wird durch die BestĂŒckung der Module ohne Programmieraufwand festgelegt, der Transport zwischen den Stationen erfolgt mit einem Bandförderer. FĂŒr eine sichere Handhabung beim anschließenden Verpackungsprozess werden die Pakete so komprimiert, dass die Stangen aneinanderhaften und nicht mehr lose im WarentrĂ€ger liegen.

Effiziente Erzeugung des Prozessvakuums

FĂŒr eine ökonomische und ökologische Produktion spielt der Energieverbrauch einer Produktionsanlage eine zentrale Rolle. Die flexible ModularitĂ€t der Kommissionieranlage erfordert eine dezentrale Erzeugung des Prozessvakuums zum Handling der Modelliermasse – das kann durch dezentrale, pneumatische Drucklufterzeugung gewĂ€hrleistet werden, allerdings haben konventionelle Vakuumejektoren einen hohen Druckluftverbrauch und Energiebedarf. Durch den Einsatz effizienter und smarter Ejektoren, die ohne Erweiterung der pneumatischen Infrastruktur auskommen, kann eine Reduzierung um bis zu 90 % erreicht werden, weshalb auch das Chemnitzer Steinbeis-Team und seine Projektpartner diese Lösung wĂ€hlten. Die Effizienzsteigerung basiert auf dreistufigen Vakuumejektoren, die bei geringerem Druckluftbedarf deutlich mehr Vakuumstrom erzeugen, sowie einer Ventiltechnik, die druckgesteuert die Druckluft zur Vakuumerzeugung nur zuschaltet, wenn ein eingestelltes Vakuumlevel unterschritten wird.

Vom konventionellen zum automatisierten Prozess

Eine besondere Herausforderung fĂŒr mittelstĂ€ndische Unternehmen stellt die Erweiterung bestehender Produktionsprozesse durch automatisierte Anlagen am Ende der Produktionskette dar. Fehler, Toleranzen und Ungenauigkeiten aus den vorangegangenen Arbeitsschritten, die bisher im manuellen Prozess korrigiert wurden oder ohne Bedeutung waren, können im automatisierten Prozess nur mit sehr hohem Aufwand kompensiert werden. Die aus dem Prozess resultierenden Anforderungen, beispielsweise hinsichtlich der Ablagegenauigkeit, sind allerdings in den meisten FĂ€llen höher als die QualitĂ€tsanforderungen des Produktes. Modelliermassestangen weisen neben der hohen Variantenvielfalt hinsichtlich LĂ€nge und Durchmesser auch ein deutlich grĂ¶ĂŸeres geometrisches Toleranzfeld als WerkstĂŒcke aus Kunststoff oder Metall auf. Beide Aspekte mĂŒssen im Kommissionierprozess berĂŒcksichtigt und kompensiert werden. Dabei ist es notwendig, sowohl einen sicheren und möglichst unterbrechungsfreien Prozessablauf als auch die

Einhaltung der QualitÀtsstandards sicherzustellen.

Um diese Herausforderung zu lösen, konzentrierte sich das Projektteam auf das Sensorkonzept zur ProzessĂŒberwachung und -regelung und bezog die Mitarbeiter in die QualitĂ€tsverantwortung ein. Zwei Möglichkeiten kamen dabei infrage: Entweder justier- und einstellbare Sensoren einzusetzen oder MessgrĂ¶ĂŸen zu wĂ€hlen, die weitgehend unabhĂ€ngig von der Variante und den Toleranzen der Modelliermassestangen erfasst werden können. Die letztere Option reduziert den Aufwand und die Fehlerquellen bei der UmrĂŒstung erheblich, was besonders bei der Greiftechnik zur Entnahme und zum Ablegen des Handhabungsguts deutlich wird: Hier mĂŒssen sowohl die Position des Greifers als auch dessen Zustand erfasst werden, um den Prozessablauf danach zu steuern. Das Greifen erfolgt einseitig mittels Vakuum und kann somit unabhĂ€ngig von der Geometrie der Modelliermassestange ĂŒber Druckschalter erfasst werden. Die Bewegung zu erfassen und auszuwerten stellt eine wesentlich grĂ¶ĂŸere Herausforderung dar, denn die Abweichung der Greifposition durch die Durchmessertoleranz der Modelliermasse liegt im Bereich von wenigen Zehntelmillimetern, die Abweichung durch den Stangentyp im Bereich weniger Millimeter und die Abweichung durch die Entnahme- und Ablageebene im Bereich mehrerer Zentimeter. Hier kann nur die Bewegung des pneumatischen Aktors erfasst werden und nicht der Toleranzausgleich, wenn das Sensorsignal ohne Anpassung universell fĂŒr alle Typen von Modelliermasse und PackungsgrĂ¶ĂŸen gĂŒltig sein soll. FĂŒr die korrekte Farbanordnung und Lage der Stangen auf dem WarentrĂ€ger sind die Mitarbeiter verantwortlich, da die Position der Stangen auf dem WarentrĂ€ger durch den BestĂŒckungs-, Lager- und Transportprozess hindurch nicht gewĂ€hrleistet werden kann. Diese Schnittstelle zwischen automatisiertem und konventionellem Prozess stellt die zentrale Herausforderung fĂŒr die technisch und wirtschaftlich erfolgreiche Implementierung der Automatisierung in den Gesamtprozess der Modelliermasseproduktion dar.

Besondere Materialien, besondere Prozesse

Die Automatisierung von Prozessen mit besonderen Materialien stellt kleine und mittelstĂ€ndische Unternehmen vor besondere Herausforderungen: Maschinen können die Anforderungen hinsichtlich des mechanischen, thermischen und chemischen Materialverhaltens oft nicht vollstĂ€ndig abbilden und zur Lösung von materialspezifischen Problemen sind umfangreiche und kostenintensive Entwicklungsarbeiten notwendig. Modelliermasse weist zum Beispiel eine sehr hohe Neigung zur AdhĂ€sion an fast allen Materialien außer Silikon und PTFE auf, insbesondere unter Temperatureinfluss. Diese Eigenschaft erschwert den Entnahmeprozess erheblich, da die GreifkrĂ€fte die Modelliermasse beschĂ€digen, der WarentrĂ€ger stark belastet und verschoben wird und ein Ablösen nicht sicher gewĂ€hrleistet ist. Durch eine Beschichtung der WarentrĂ€ger sowie eine kleine SeitwĂ€rtsbewegung des Greifers vor dem Abheben tritt allerdings eine SchĂ€lbelastung zwischen Modelliermasse und WarentrĂ€ger auf, die zur Ablösung fĂŒhrt. Aufgrund der hohen Anzahl benötigter WarentrĂ€ger sind die Beschichtungskosten von entscheidender Bedeutung fĂŒr die Wirtschaftlichkeit des Gesamtprozesses, aufwendige PTFE- oder Silikonbeschichtungen können somit nicht verwendet werden. Hinzu kommt, dass ein möglicher Transfer der Beschichtung auf das Endprodukt nicht die Spielzeugtauglichkeit beeintrĂ€chtigen darf. Ein guter Kompromiss aus akzeptablen Kosten und benötigten technischen Eigenschaften ist eine Beschichtung mit einem Wachs, das dem verwendeten Basiswachs sehr Ă€hnlich ist. Dieses kann sowohl geschmolzen im SprĂŒhverfahren als auch kalt aufgebracht werden.

Individuelle Automatisierung fĂŒr KMU

Automatisierungslösungen fĂŒr kleine und mittelstĂ€ndische Unternehmen mĂŒssen angepasst sein. Standardlösungen erfĂŒllen die technischen Anforderungen der dort hĂ€ufig verarbeiteten Sondermaterialien, die wirtschaftlichen Anforderungen insbesondere hinsichtlich der Investitionskosten sowie die erwartete FlexibilitĂ€t und Bedienbarkeit nicht. Sondermaschinen mit individuellen Lösungen können das jedoch leisten und zur Steigerung der ProduktivitĂ€t beitragen sowie dem FachkrĂ€ftemangel entgegenwirken.

Kontakt

Prof. Dr.-Ing. Wolfgang Nendel (Autor)

Steinbeis-Unternehmer
Steinbeis-Forschungszentrum Automation, Leichtbau und Prozesstechnik (ALP) (Chemnitz)

223074-27
Zuletzt geÀndert am 13.07.2026

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