Veröffentlichungsdatum: 30.04.2024 | 0 Kommentare

ALD-Verfahren: Extrem homogene und dekorative Farbschichten

Ein Beispiel fĂŒr gelungenen Wissens- und Technologietransfer

Auf einigen Metallen lassen sich transparente Deckschichten erzeugen, bei denen aufgrund von Interferenzeffekten die Schichten farbig erscheinen. Jedoch können bei der Herstellung durch PECVD-Verfahren aufgrund von elektrischen Feldeffekten an Kanten oder engen Vertiefungen deutliche Farbabweichungen durch Änderung der Schichtdicke auftreten. Die Experten des Steinbeis-Transferzentrums OberflĂ€chen- und Beschichtungstechnik und der Hochschule Furtwangen haben sich mit dieser Problematik beschĂ€ftigt und festgestellt, dass der Einsatz der Atomlagenabscheidung (ALD)-Beschichtung diese Nachteile umgeht und die Abscheidung von Schichten mit exakter Dicke, zum Beispiel von Titan- oder Aluminiumoxid, erlaubt. Auf glatten metallischen UntergrĂŒnden entstehen auf diese Weise sehr dekorative und aufgrund der HĂ€rte bestĂ€ndige farbige Schichten. Das Verfahren kann sowohl fĂŒr Gestell- als auch fĂŒr SchĂŒttware eingesetzt werden.

Miniaturschrauben mit verschiedenen Schichtdicken einer ALD-Metalloxidschicht, die rechte Schraube ist unbeschichtet.
Mittels ALD blau beschichtete Federn, eingebaut in eine Uhr (© Carl Haas GmbH)
Uhrenfedern mit einem Durchmesser von wenigen Millimetern können als Schüttgut mit ALD-Verfahren homogen blau beschichtet werden; sĂ€mtliche FlĂ€chen weisen die gleiche Beschichtungsdicke auf.
Inhomogene Farbschichten, wie sie zum Beispiel durch die Feldeffekte bei der PECVD-Abscheidung entstehen können [6]

Die Abscheidung dĂŒnner Schichten im Plasma mit CVD-Verfahren (PECVD, plasma enhanced chemical vapor deposition) ist seit lĂ€ngerem bekannt und findet in vielen verschiedenen industriellen Anwendungen ein breites Einsatzspektrum. Jedoch lassen sich nur flache Bauteile gleichmĂ€ĂŸig beschichten. Das Prinzip der Entstehung von Interferenzfarben sorgt dafĂŒr, dass sich variierende Schichtdicken visuell als Regenbogenfarben manifestieren, was in den allermeisten AnwendungsfĂ€llen unerwĂŒnscht ist. Kleine Strukturen, wie sie in der Medizintechnik oder Uhrenindustrie zum Einsatz kommen, können mit PECVD oft nicht konturtreu beschichtet werden.

Eine interessante Alternative dazu bietet das ALD-Verfahren (ALD – atomic layer deposition, Atomlagenabscheidung), bei dem sich die Schichtdicke im sub-Nanometerbereich genau einstellen lĂ€sst. Dadurch ist es möglich, auch Bauteile mit komplexen Geometrien und großen AspektverhĂ€ltnissen völlig gleichmĂ€ĂŸig und auch reproduzierbar zu beschichten. Damit kann ein völlig homogener Farbeindruck erzielt werden. Auch bei grĂ¶ĂŸeren Chargen mit hoher Packungsdichte ist die Beschichtung aller Bauteile gleich, wodurch praktisch kein Ausschuss entsteht. Da das Verfahren im Vergleich zu PECVD teurer ist, wird es bevorzugt bei kleinen Komponenten, wie zum Beispiel Uhrenbauteilen, wirtschaftlich angewendet.

Optische Interferenzeffekte

Interferenzfarben sind unter anderem von schwebenden Seifenblasen in der Sonne bekannt. Die Farbeffekte entstehen durch VerstĂ€rkung und Auslöschung von Lichtwellen. Die physikalischen ZusammenhĂ€nge der Interferenz an einer dĂŒnnen Schicht lassen sich folgenderweise beschreiben [1]: Eine ebene Lichtwelle fĂ€llt aus einem Medium der optischen Brechzahl n1 auf eine dĂŒnne Schicht der Dicke d und der Brechzahl n2. Ein Teil der Welle wird direkt an der ersten GrenzflĂ€che zwischen den Medien reflektiert (B’), ein anderer Teil an der zweiten (unteren) GrenzflĂ€che (C). Im Medium 2 haben die Lichtwellen eine andere Ausbreitungsgeschwindigkeit. Die reflektierten Strahlen 1“ und 2” unterscheiden sich durch einen Gangunterschied g. Nach dem Fermatschen Prinzip ist die Laufzeit des Lichtes von A nach B gleich wie von A’ nach B’. Hinzu kommt ein Phasensprung von π (halbe Periode) an der GrenzflĂ€che Medium 1 / Medium 2, wenn n2 > n1 ist. Eine Auslöschung von LichtwellenlĂ€ngen λ (Farben) tritt auf, wenn die Phasendifferenz = π ist (entspricht Gangunterschied λ /2).

Unterschiedliche Schichtdicken d sorgen also dafĂŒr, dass verschiedene WellenlĂ€ngen (Farben) aus dem reflektierten Licht fehlen. Das ursprĂŒnglich weiße, alle Farben enthaltende Beleuchtungslicht verliert einige Farbanteile und erscheint in einer Restfarbe. Der beschichtete Gegenstand erhĂ€lt unter Beleuchtung somit eine Interferenzfarbe. Jeder Schichtdicke entspricht eine andere Farbe, wobei die Farben sich bei wachsender Schichtdicke periodisch wiederholen. Denn Auslöschung tritt nicht nur bei einem Gangunterschied von λ /2 auf, sondern auch bei 3 λ /2, 5 λ /2 und weiteren ungeraden Vielfachen von λ.

Inhomogene Farben aufgrund von Feldeffekten

Wenn mit PECVD transparente Interferenzschichten auf Metallen abgeschieden werden, entsteht jedoch fast immer eine inhomogene Farbgebung als Ergebnis [2], da die Interferenzschichten auf 3D-Teilen in gewissem Umfang inhomogen aufwachsen. Selbst wenige Nanometer Schichtdickenunterschied fĂŒhren bereits zu einem unterschiedlichen Farbeindruck. Der Grund fĂŒr die inhomogenen Schichtdicken liegt in der unterschiedlichen elektrischen Feldverteilung auf den Substraten. Vor allem an Kanten oder in Vertiefungen besitzen die Schichten unterschiedliche Dicken. Die inhomogene Feldverteilung lĂ€sst sich wie folgt erklĂ€ren: Metallische OberflĂ€chen sind elektrisch leitend und somit elektrische ÄquipotenzialflĂ€chen, das heißt alle Punkte auf der OberflĂ€che haben das gleiche elektrische Potenzial. FĂŒr den einfachen Fall einer elektrisch leitenden und geladenen Kugel gilt, dass eine gleichmĂ€ĂŸige Verteilung der OberflĂ€chenladung vorliegt. Überschussladungen fließen sofort an eine beliebige Stelle auf der KugeloberflĂ€che, wodurch ein Potenzialausgleich folgt (Faraday-KĂ€fig). Je kleiner der Radius einer Kugel beziehungsweise einer durch eine Kugel angenĂ€herten Ausbuchtung oder Spitze einer metallischen FlĂ€che ist, desto höher sind die FlĂ€chenladungsdichte und die FeldstĂ€rke auf diesem FlĂ€chenstĂŒck des zu beschichtenden Bauteils. Dieses vereinfachte Modell berĂŒcksichtigt keine Abschirmeffekte des Plasmas oder den Dunkelraum. Es macht aber plausibel, wie erhöhte Abscheideraten an Ecken und Kanten auftreten. Im Extremfall kann die FeldĂŒberhöhung zu Spitzenentladung fĂŒhren: Plasmatechniker kennen die gefĂŒrchteten elektrischen ÜberschlĂ€ge, die von scharfen Kanten und Spitzen ausgehen können. Falls es sich aber um nicht zu spitze Geometrien handelt, kann hier ĂŒber die höhere FeldstĂ€rke eine grĂ¶ĂŸere Abscheiderate der Schicht erreicht werden. In Vertiefungen erfolgt demzufolge aufgrund der Abschirmung des Felds (Faraday-KĂ€fig-Effekt) eine verringerte Abscheidung. Je nach benötigter Anwendung lĂ€sst sich diese inhomogene Abscheiderate zur Erzeugung von Effekten ausnutzen, beispielsweise in Form bunter regenbogenfarbiger Fahrradketten oder ZahnkrĂ€nze [6].

Eine Möglichkeit zur Herstellung von diesen FarbverlĂ€ufen ist die PECVD-Beschichtungsmethode, die schillernde Interferenzfarben erzeugt. Ist diese erhöhte Abscheiderate unerwĂŒnscht, kann versucht werden, ĂŒber Hilfselektroden das elektrische Feld um das zu beschichtende Bauteil zu homogenisieren. Allerdings ist diese Art, eine gleichmĂ€ĂŸige Schichtdickenverteilung an Kanten zu erzielen, mit einem sehr hohen apparativen und regelungstechnischen Aufwand verbunden und fĂŒhrt bei zunehmender KomplexitĂ€t der Bauteile schnell an die Grenzen des Verfahrens. Weiterhin ist bei PECVD die Schichtabscheidung in kleine Vertiefungen im sub-Millimeterbereich sehr schwer zu erreichen oder gar nicht möglich. Dies bedeutet, dass zum Beispiel fĂŒr die Beschichtung von Uhrenbauteilen ein anderes Verfahren benötigt wird. Die Atomlagenabscheidung kann dafĂŒr eine gangbare Lösung darstellen.

Atomlagenabscheidung

Im Gegensatz zu CVD- oder PECVD-Verfahren ist die Atomlagenabscheidung (atomic layer deposition, ALD) ein zweistufiges Verfahren [3, 4]. Dabei wird eine OberflĂ€che nacheinander zwei verschiedenen Reaktanden ausgesetzt: Der erste Reaktand bildet durch Adsorption an der OberflĂ€che zunĂ€chst eine Monolage, also eine Schicht, die nur ein einziges MolekĂŒl dick ist. Dabei ist entscheidend, dass sich keine weiteren MolekĂŒle des ersten Reaktanden an die Monolage binden, sobald diese vollstĂ€ndig ist. Der Prozess ist damit selbstlimitierend. Nach einem SpĂŒl- und Abpumpschritt wird ein zweiter Reaktand eingeleitet, der mit der gebildeten Monolage zu einem festen Reaktionsprodukt in Form einer dĂŒnnen, monomolekularen oder monoatomaren Schicht reagiert.

Bei thermischen ALD-Prozessen sind fĂŒr eine erfolgreiche Abscheidung spezifische Grenzen bezĂŒglich der anwendbaren Temperatur zu beachten. Wenn die Temperatur zu niedrig ist, sinkt die Reaktionsgeschwindigkeit deutlich und die Zeit fĂŒr einen Zyklus wird sehr lang. Außerdem kann es zur Kondensation und damit zu einer höheren Abscheiderate als erwartet kommen. Auf der anderen Seite fĂŒhrt eine zu hohe Temperatur entweder zu einer Desorption des PrĂ€kursors von der OberflĂ€che (Abscheiderate niedriger als erwartet) oder, falls dies nicht eintritt, zu einer thermischen Zersetzung an der OberflĂ€che (Abscheiderate höher als erwartet). In einigen FĂ€llen ist damit kein praktikables Prozessfenster zu finden.

Um diese EinschrĂ€nkung zu umgehen beziehungsweise grundsĂ€tzlich einen ALD-Prozess zu ermöglichen, kann die ReaktivitĂ€t eines PrĂ€kursors erhöht werden, zum Beispiel durch Aktivierung beziehungsweise Ionisierung in einem Plasma [5]. Diese Technologie wird als PEALD (plasmaunterstĂŒtzte Atomlagenabscheidung) bezeichnet. Dadurch ist eine Abscheidung bei deutlich niedrigeren Temperaturen möglich und es können temperaturempfindliche Werkstoffe, beispielsweise viele Kunststoffe, beschichtet werden. Die so erzeugten Schichten sind defektfrei und Ă€ußerst homogen. Wichtig dabei ist, dass das Plasma nur zur Aktivierung des Co-Reaktanden verwendet wird und der zweistufige Charakter des Verfahrens somit erhalten bleibt. Es ist naheliegend, dass PEALD-Verfahren klare Vorteile gegenĂŒber reinen PECVD-Verfahren haben, wenn Bauteile mit komplexeren Geometrien beschichtet werden sollen.

Aufbau einer ALD-Beschichtungsanlage

Der Hauptbestandteil der Anlage ist die Prozesskammer, in der das Substrat auf Prozesstemperatur gehalten wird und die Prozessgase eingeleitet werden. Ein Pumpstand, bestehend aus zwei verschiedenen Vakuumpumpen, dient zum Evakuieren der Kammer. Ziel ist hier, Reaktionen mit MolekĂŒlen aus der Restgas-AtmosphĂ€re zu vermeiden. Der optimale Basisdruck dieses Vakuums liegt ĂŒblicherweise im Bereich von etwa 0,002 mbar. Zur DruckĂŒberwachung werden geeignete Drucksensoren eingesetzt. Zum Einleiten der Ausgangschemikalie (PrĂ€kursoren) und des SpĂŒlgases dienen Hochgeschwindigkeits-ALD-Ventile. FlĂŒssige und feste PrĂ€kursoren werden geheizt, gasförmige PrĂ€kursoren und das SpĂŒlgas werden zusĂ€tzlich mit einem MFC (mass flow controller, Massenflussregler) geregelt. Zur Erzeugung des Plasmas wird ein Hochfrequenz-Plasmagenerator verwendet, dessen Elektrode sich ĂŒber dem Substrathalter befindet.

Herstellung dekorativer und bestÀndiger ALD-Interferenzschichten

Die Abscheidung von farbigen dekorativen Schichten ist nur auf metallisch glĂ€nzenden Grundwerkstoffen möglich. Bei matten Substraten tritt nicht genĂŒgend Reflexion an der unteren GrenzflĂ€che auf. Kunststoffe mĂŒssen also zur Herstellung einer Interferenzschicht in einem ersten Schritt mit Metall beschichtet werden. Je glĂ€nzender die jeweilige OberflĂ€che ist, auf der die Schicht abgeschieden wird, desto brillanter erscheint die Interferenzfarbe. Die besten Effekte werden auf verchromten OberflĂ€chen erreicht, aber auch Edelstahl oder Titan liefern sehr gute Resultate. Auf Aluminium werden die Farben in der Regel geringfĂŒgig matter.

Die bei Niedertemperatur (T < 100 °C) abgeschiedenen ALD-Schichten bestehen in der Regel aus Metalloxiden wie Titandioxid oder Aluminiumoxid. Die Schichtdicken bewegen sich im Bereich zwischen etwa 20 nm und 100 nm. Diese Oxidschichten sind thermodynamisch stabil und zeigen eine hervorragende BestĂ€ndigkeit gegen SĂ€uren, Laugen und organische Lösemittel. Sie bieten somit einen optimalen Korrosionsschutz. Weiterhin ist bei geeigneter Wahl der Schicht auch die dermatologische VertrĂ€glichkeit oder BiokompatibilitĂ€t gegeben. Wenn der Untergrund eine ausreichende HĂ€rte aufweist, können selbst dĂŒnne ALD-Oxidschichten sehr kratzfest sein. Uhrenteile, wie zum Beispiel Federn oder Schrauben, können damit effektvoll farbig gestaltet werden.

Theorie und Praxis Hand in Hand

Die Forschung zu ALD-Beschichtung zeigt einmal mehr, wie der Wissenstransfer aus der Forschung in die Praxis erfolgreich umgesetzt werden kann: WĂ€hrend die Experten der Hochschule Furtwangen die theoretische Basis liefern, fĂŒhrt das Team des Steinbeis-Transferzentrums OberflĂ€chen- und Beschichtungstechnik Versuche zur Erprobung der EinsatzfĂ€higkeit auf kleinen komplex geformten Bauteilen durch.

Dieser Artikel erschien erstmals im Magazin WOMag, Ausgabe 10/2023 [7] und wurde fĂŒr die Transfer ĂŒberarbeitet.

Quellen

[1] Ch. Gerthsen, H. Vogel: Gerthsen Physik; 20th Edition, Springer Publishing, Berlin, Heidelberg, New York, 1999, p. 529
[2] V. Bucher: Vacuum in Research and Practice 18 (2006), No. 2, 27-31, WILEY-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim; DOI:10.1002/ vipr.200600281 27
[3]  A. Sherman: Atomic layer deposition for nanotechnology; Ivoryton Press, Ivoryton, 2008
[4]  T. Kääriäinen, D. Cameron, M.-L. Kääriäinen, A. Sherman: Atomic Layer Deposition, Principles, Characteristics, and Nanotechnology Applications; Scrivener Publishing, 2013
[5]  J. Geng, D. Hähnel: PEALD – Plasma-Enhanced Atomic Layer Deposition Opens Up New Fields of Application; WOMag (4/2013); DOI: 10.7395/2013/ GENG1
[6]  https://www.lvr-cycles.com/de/ketten-kassetten-mtb/2605-9719-sram-cassette-xx1-eagle12s-rainbow-xg-1299-10-50t.html, accessed Jan 30, 2024
[7] www.wotech-technical-media.de/womag/ausgabe/2023/10/21_bucher_ ald_10j2023/21_bucher_ald_10j2023.php, accessed Jan 30, 2024

Kontakt

Wolfram Kintzel (Autor)

Laborleiter
Forschungszentrum Rottweil Hochschule Furtwangen (Rottweil)

Nicolai Simon (Autor)

Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Forschungszentrum Rottweil Hochschule Furtwangen (Rottweil)

227254-14
Zuletzt geÀndert am 09.07.2026

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