Management & Unternehmensentwicklung
Veröffentlichungsdatum: 17.03.2026 | 0 Kommentare

Warum manche Unternehmen Generationen überdauern – und andere nicht

Das Ferdinand-Steinbeis-Institut analysiert praxiserprobte Rezepte für nachhaltiges Wirtschaften

Die deutsche Wirtschaftslandschaft wird zu 90 Prozent von Familienunternehmen geprägt, doch diese beeindruckende Zahl verdeckt eine ernüchternde Realität: Statistiken zeigen, dass lediglich etwa zehn Prozent aller Familienunternehmen die zweite Generation überleben und die dritte erreichen, während gerade einmal fünf Prozent die dritte Generation überleben und die vierte erreichen. Diese Zahlen werden noch dramatischer, wenn man berücksichtigt, dass von den jährlich etwa 30.000 zur Übergabe anstehenden Familienunternehmen in Deutschland immerhin 35 Prozent verkauft oder stillgelegt werden müssen. Aber es zeigen sich auch bemerkenswerte Erfolgsgeschichten, wie die Übersicht der fünfzig ältesten deutschen Familienunternehmen der Stiftung Familienunternehmen unterstreicht. Was unterscheidet nun die Erfolgs­geschichten von den vielen Betrieben, die bereits nach wenigen Jahrzehnten scheitern? Welche Faktoren ermöglichen es einigen Familienunternehmen, über Generationen hinweg nicht nur zu überleben, sondern dabei auch wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben? Eine aktuelle Forschungsstudie am Ferdinand-Steinbeis-Institut (FSTI) widmet sich diesen Fragen und untersucht systematisch die multikausalen Zusammenhänge verschiedener Erfolgsfaktoren langlebiger Unternehmen.

Die traditionelle Erfolgsfaktorenforschung, die in den frühen 1980er-Jahren begann, basierte lange auf monokausalen, isolierten Betrachtungen der einzelnen Erfolgsfaktoren. „Kritiker argumentieren zu Recht, dass unternehmerisches Handeln, die Organisation von Unternehmen und die unvorhersehbaren Dynamiken des Marktes ein viel zu komplexes Geschehen darstellen, um daraus einzelne Erfolgsfaktoren herauszugreifen“, ist Dr. Alexander Schaeff, Senior Research Fellow am Ferdinand-Steinbeis-Institut Heilbronn, überzeugt. Wer dies dennoch tue, setze sich der Gefahr aus, zu kurz zu greifen oder Faktoren zu isolieren, die nur im Zusammenspiel mit anderen eine Wirkung entfalten können.

Mit der Qualitative Comparative Analysis nutzt das FSTI-Team in seiner Studie einen Ansatz, Kombinationen von Erfolgsfaktoren systematisch zu analysieren und dabei zu berücksichtigen, dass verschiedene Wege zum Erfolg führen können. Anders als bei statistischen Verfahren, die auf Verallgemeinerungen abzielen, steht bei dieser fallorientierten Sichtweise der Einzelfall und dessen Komplexität im Vordergrund. Untersucht wurden bislang zwölf langlebige Firmen, die sich seit mindestens drei Generationen in Familienbesitz befinden. Die Erhebung quantitativer Daten und qualitativer Interviews, die mit den Inhabern geführt wurden, ermöglichte eine umfassende Analyse der Erfolgsmuster.

Die entscheidenden Erfolgshebel in der Praxis

Die systematische Analyse offenbarte zwei verschiedene, aber gleichermaßen erfolgreiche Strategiekombinationen für Langlebigkeit. Diese Erkenntnis ist von enormer praktischer Bedeutung, da sie zeigt, dass es nicht nur einen Weg zum Erfolg gibt, sondern verschiedene strategische Ansätze zum gewünschten Ergebnis führen können.

Strategie 1: Der werteorientierte Generationenpakt

Die mit einer Rohabdeckung von 76,3 Prozent erfolgreichste Strategie kombiniert finanzielle Unabhängigkeit mit erfolgreicher Nachfolgeplanung, starker Führungskompetenz und einer klaren Werteorientierung. Diese Kombination dominiert bei den erfolgreichsten langlebigen Unternehmen und zeigt die höchste Erklärungskraft für langfristigen Erfolg.

In der Praxis bedeutet dies, dass diese Unternehmen über Generationen hinweg bewusst auf kurzfristige Gewinnmaximierung verzichten und stattdessen in Mitarbeiterqualifikation, moderne Ausstattung und Forschung investieren. Sie entwickeln klare Unternehmenswerte, die sowohl als Entscheidungshilfe für das Management als auch als Identifikationsmerkmal für Mitarbeiter und Kunden fungieren. Diese Werte werden nicht nur als Marketinginstrument verstanden, sondern prägen das tägliche Handeln und die strategischen Entscheidungen.

Die Nachfolgeplanung wird in diesen Unternehmen nicht dem Zufall überlassen, sondern systematisch über Jahre hinweg vorbereitet. Potenzielle Nachfolger werden frühzeitig in die Unternehmensführung eingebunden, erhalten umfassende Ausbildungen und sammeln oft externe Erfahrungen, bevor sie Führungsverantwortung übernehmen. Dabei wird großen Wert daraufgelegt, dass die Nachfolger nicht nur fachlich qualifiziert sind, sondern auch die Unternehmenswerte verkörpern und weitertragen können.

Strategie 2: Der innovationsbasierte Resilienzpfad

Diese Strategie verbindet finanzielle Unabhängigkeit mit ausgeprägter Innovationsfähigkeit und der Entwicklung außergewöhnlicher Geschäftsmodelle (Rohabdeckung: 51,3 Prozent) oder im Falle weniger optimierter Nachfolgegestaltung mit starken unternehmerischen Werten (Rohabdeckung: 34,2 Prozent). Wenngleich dieser Strategiepfad weniger häufig vorzufinden ist als die wertorientierte Strategie, zeigt er deutlichen Erfolg.

Unternehmen, die diesem Pfad folgen, zeichnen sich durch die ausgesprochene Fähigkeit aus, Marktveränderungen frühzeitig zu erkennen und ihr Geschäftsmodell entsprechend anzupassen. Sie sind bereit, auch radikale Veränderungen vorzunehmen, ohne ihre Kernkompetenzen aufzugeben. Sie investieren kontinuierlich und überdurchschnittlich stark in Forschung und Entwicklung – selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten.

Ein zentrales Merkmal ist ihre Experimentierfreudigkeit bei neuen Geschäftsmodellen. Etablierte Strukturen werden bewusst hinterfragt, neue Wege aktiv beschritten. Gleichzeitig verfügen diese Unternehmen über die finanzielle Stabilität, um auch gescheiterte Experimente verkraften zu können. Diese Kombination aus Risikobereitschaft und finanzieller Absicherung ermöglicht es ihnen Marktchancen zu nutzen, die konservativere Wettbewerber nicht wahrnehmen oder nicht eingehen können.

Zugleich zeigt diese Strategie, dass selbst bei weniger optimaler Nachfolgegestaltung oder beim Einsatz externer Führungskräfte nachhaltiger Erfolg möglich ist, indem andere Erfolgsfaktoren Defizite am Generationenübergang kompensieren. Eine besonders starke Innovationskraft sowie eine ausgeprägte Unternehmenskultur, die auch ohne familiäre Kontinuität in der Führung Bestand hat, sind entscheidend, um diese Schwäche auszugleichen.

Die unverzichtbare Basis: Finanzielle Unabhängigkeit

Ein Ergebnis der Analyse sticht besonders hervor: Finanzielle Unabhängigkeit erwies sich mit einer Konsistenz von 100 Prozent als notwendige Voraussetzung für langfristigen Erfolg. Kein einziges der untersuchten erfolgreichen langlebigen Unternehmen war stark von Fremdfinanzierung abhängig. Das unterstreicht die fundamentale Bedeutung finanzieller Autonomie für die Überlebensfähigkeit von Unternehmen über mehrere Generationen hinweg.

Diese finanzielle Unabhängigkeit manifestiert sich in verschiedenen konkreten Managementpraktiken. Die untersuchten Unternehmen zeichnen sich durch geringe Bankenabhängigkeit aus, die sie durch kontinuierlichen Eigenkapitalaufbau erreichen. Sie verzichten dabei bewusst auf übermäßige Gewinnentnahmen und reinvestieren stattdessen in das Unternehmen. Diese Strategie ermöglicht es ihnen, finanzielle Reserven für Krisenzeiten aufzubauen und langfristige Strategien zu entwickeln, ohne unter dem Druck kurzfristiger Finanzierungszwänge zu stehen.

Die so ermöglichte Kontinuität bildet einen der wichtigsten Erfolgsfaktoren, verstanden als kernkompetenz-orientierte Langfriststrategie bei geringer Bankenabhängigkeit. Besonders bemerkenswert: Die Verweildauer des Managements in Familienunternehmen ist im Durchschnitt viermal länger als in börsennotierten Firmen. Diese Kontinuität in der Führung ermöglicht es, langfristige Strategien zu entwickeln und konsequent umzusetzen.

Werte und Tugenden: Mehr als Marketing

Mit einer Konsistenz von 95 Prozent erwies sich auch die Verpflichtung auf gemeinsame Werte und Tugenden als quasi notwendige Bedingung für Langlebigkeit. Diese hohe Konsistenz zeigt, dass werteorientierte Unternehmensführung nicht nur ein Marketinginstrument darstellt, sondern einen fundamentalen Erfolgsfaktor für jahrhundertealte Unternehmen.

Andrea Fuchs, Research Fellow am FSTI, erläutert: „Hinter diesem abstrakten Begriff verbergen sich konkrete Managementpraktiken, die sich in verschiedenen Unternehmensbereichen manifestieren. Besonders deutlich wird dies in der Mitarbeiterorientierung der untersuchten Unternehmen.“ Sie investieren überdurchschnittlich in die Ausbildung ihrer Mitarbeiter und bieten überdurchschnittliche Entlohnung. Selbst in Krisenzeiten verzichten sie auf Massenentlassungen und orientieren ihre Personalauswahl an der Übereinstimmung mit den Firmenwerten.

Die detaillierte Analyse der Wertestruktur zeigt besonders hohe Ausprägungen bei Verlässlichkeit, Aufrichtigkeit und Bescheidenheit. Diese Tugenden prägen nicht nur die interne Unternehmenskultur, sondern bestimmen auch den Umgang mit externen Partnern. Die untersuchten Unternehmen pflegen langfristige Beziehungen zu Kunden, Lieferanten und ihrem sozialen Umfeld, die oft über Jahrzehnte oder sogar Generationen bestehen.

Langlebigkeit als erlernbare Kompetenz

Die Studie zeigt eindeutig, dass jahrhundertealte Unternehmen keine Zufallsprodukte darstellen, sondern das Resultat systematischer Managementpraktiken sind. Das beweist, dass Langlebigkeit eine erlernbare Kompetenz darstellt, die durch bewusste Entscheidungen und konsequente Umsetzung erreicht werden kann.

Für Unternehmer bedeutet dies eine sowohl ermutigende als auch herausfordernde Erkenntnis. Ermutigend, weil es nicht nur einen Weg zum langfristigen Erfolg gibt. Herausfordernd ist jedoch die Erkenntnis, dass bestimmte Grundprinzipien unverzichtbar sind und konsequent umgesetzt werden müssen. Die größte Herausforderung liegt in der praktischen Umsetzung über Jahrzehnte hinweg. Besonders schwierig ist es den langfristigen Kurs beizubehalten, wenn kurzfristige Verlockungen oder externer Druck von den strategischen Zielen ablenken. Die jahrhundertealten Familienunternehmen haben bewiesen, dass diese Konstanz möglich ist und sich langfristig auszahlt. Ihre Erfahrungen bieten wertvolle Lektionen für alle Unternehmer, die ihre Betriebe auf eine nachhaltige Zukunft ausrichten möchten.

Unternehmerische Langlebigkeit ist nur durch die gleichzeitige Beherrschung der identifizierten erforderlichen Erfolgsfaktoren möglich und geht daher mit erheblicher Komplexität einher. Eine einseitige Fokussierung auf wenige Kennzahlen oder Erfolgsdimensionen – etwa Quartalsgewinne oder Marktkapitalisierung, wie sie von angestelltem Management häufig praktiziert wird – reicht nicht aus, um den langfristigen Fortbestand eines Unternehmens zu sichern. Vor diesem Hintergrund erweist sich eine konzerngeprägte Bewertungsperspektive ebenso wie die Anwendung identischer Bewertungsmaßstäbe als inadäquat, zumal sie die besonderen Leistungen kleinerer, häufig familiengeführter Unternehmen, die diese Komplexität über Generationen hinweg erfolgreich bewältigt haben, verkennt. Die Studie legt daher eine differenzierte Betrachtungsweise der Leistungen kleinerer, häufig familiengeführter Unternehmen nahe.

Kontakt

Dr. Alexander Schaeff (Autor)

Senior Research Fellow
Ferdinand-Steinbeis-Institut Heilbronn
https://ferdinand-steinbeis-institut.de

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Zuletzt geändert am 18.03.2026

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