Veröffentlichungsdatum: 01.04.2026 | 0 Kommentare

Brücke zwischen Wissenschaft und nicht-akademischer Welt

Wie ERA-SHUTTLE-Entsendungen Forscher zu Innovationskatalysatoren machen

Die Fähigkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Innovationen zu überführen, wird für Europas Wettbewerbsfähigkeit immer wichtiger. Doch gerade in sogenannten Erweiterungsländern – Regionen mit sich noch entwickelnden Innovationsökosystemen – bleibt der Weg von der Forschung zur Anwendung oft unklar. Das EU-Projekt ERA SHUTTLE setzt genau hier an: Es stärkt Forschungs- und Innovationskapazitäten, indem es Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gezielt in nicht-akademische Organisationen entsendet. Drei Hochschulmitarbeiter aus Malta und dem kroatischen Split waren 2025 zu Gast bei Steinbeis und berichten von ihren prägenden Erfahrungen.

ERA SHUTTLE bringt akademische Partner aus Polen, Kroatien und Malta mit etablierten Innovationsakteuren zusammen. Forschende arbeiten als Secondees für mehrere Monate in Organisationen wie der Association of European Science & Technology Transfer Professionals (ASTP), dem Forschungsnetzwerk CERIC-ERIC oder dem Steinbeis Transfer-Hub Berlin. Ziel ist es, praxisnahe Kompetenzen in Innovationsmanagement, Technologietransfer und Wissensverwertung aufzubauen.

Als federführender deutscher Partner koordiniert die Steinbeis Wissens- und Technologietransfer GmbH SWiTT die Projektaktivitäten in Deutschland und die Aufnahme entsandter Mitarbeiter in Steinbeis-Unternehmen. Dieser Ansatz nutzt die umfassende Expertise der Unternehmen im Steinbeis-Verbund. 2025 waren die ersten drei Wissenschaftler zu Gast im Steinbeis Europa Zentrum, im Steinbeis-Transferzentrum Digital Workspace und in der Steinbeis School of Sustainable Innovation and Transformation. Das Zusammenbringen der Secondees und der passenden Steinbeis-Unternehmen wurde sorgfältig auf die individuellen Interessen und Entwicklungsziele abgestimmt, sodass die drei „Kollegen auf Zeit“ verschiedene Aspekte der Innovationspraxis kennenlernen konnten – vom europäischen Projektmanagement über die digitale Transformation bis hin zur Kommerzialisierung von Technologien. 2026 und 2027 werden weitere entsandte Wissenschaftler zu Gast im Steinbeis-Verbund sein – das zeigt, dass Teilnehmende wie auch Gastgeber von dem Austausch profitieren.

ERA SHUTTLE basiert auf der Überzeugung, dass nachhaltiger Wissenstransfer vor allem durch praktische Erfahrung entsteht. Ergänzend zu den Entsendungen umfasst das Programm Workshops, Summer Schools, Karriere-Tandems und kontinuierliches Mentoring. Erste Ergebnisse zeigen bereits: Die Teilnehmenden kehren nicht nur mit neuen Fähigkeiten zurück, sondern auch mit einem erweiterten Verständnis ihrer Rolle im europäischen Innovationssystem.

Drei Perspektiven, ein gemeinsames Ziel

Die Erfahrungen von Angie Mifsud und Andrea Bondin (Universität Malta) sowie Tea Knez (Universität Split) verdeutlichen die Wirkung des Programms. Trotz unterschiedlicher fachlicher Hintergründe verbindet sie das Ziel, Kompetenzen zu erwerben, die im Hochschulalltag häufig zu kurz kommen: Marktverständnis, internationale Projektpraxis und der Umgang mit nicht-akademischen Zielgruppen.

Für Angie Mifsud war die Entsendung ein Wendepunkt. Als Forschungsmanagerin im Bereich Emotionsregulation wollte sie ihre Arbeit stärker in die Anwendung bringen. An der Steinbeis School of Sustainable Innovation and Transformation lernte sie, wie aus Ideen marktfähige Angebote werden: „Mir wurde Schritt für Schritt beigebracht, wie ich mein Produkt auf den Markt bringe“, erklärt sie, „wie man ein Business Model Canvas erstellt, Marktforschung betreibt oder ein MVP entwickelt und es am Markt testet, bevor man das vollständige Produkt entwickelt.“ Diese Lean-Startup-Methodik – in Gründerkreisen weit verbreitet, aber akademischen Mitarbeitern oft fremd – veränderte ihren Ansatz grundlegend. „Dieses Vorgehen war ein Gamechanger für mich und so effektiv, weil es die Marktorientierung wirklich in den Mittelpunkt stellt“, betont Angie Mifsud. Für sie war gerade dieser Perspektivwechsel entscheidend: weg von der reinen Inhaltserstellung, hin zu einem klaren Fokus auf Bedarf, Nutzen und Marktfähigkeit. Die Entsendung half ihr, ihre Expertise nicht nur wissenschaftlich, sondern auch unternehmerisch zu denken.

Andrea Bondin verfolgte einen anderen Schwerpunkt: Er wollte technisches Know-how sowie Erfahrung in internationalen Projektkontexten sammeln. Im Steinbeis-Transferzentrum Digital Workspace arbeitete er an Anwendungen in Robotik und Extended Reality. Besonders prägend war für ihn die Zusammenarbeit in multikulturellen Teams – eine Kompetenz, die in globalen Innovationsprozessen zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Tea Knez wiederum interessierte sich für die Frage, wie Forschungsergebnisse außerhalb der Wissenschaft Wirkung entfalten. Am Steinbeis Europa Zentrum beschäftigte sie sich intensiv mit Verwertungsstrategien und der Einbindung relevanter Stakeholder. Sie gewann Einblicke darin, wie Projektergebnisse zielgruppengerecht aufbereitet, kommuniziert und langfristig nutzbar gemacht werden können. Damit betrifft ihre Erfahrung ein zentrales Problem vieler EU-Projekte: Ergebnisse sollten über den Abschlussbericht hinausgehen und praktische Anschlussfähigkeit für Wirtschaft und Gesellschaft bieten.

Andrea Bondin (Universität Malta)
Angie Mifsud (Universität Malta)
Tea Knez (Universität Split)

Herausforderungen als Teil des Lernprozesses

Der Schritt ins Ausland bedeutete für alle drei auch Unsicherheit. Angie Mifsud musste ihre familiäre Situation organisieren, insbesondere die Betreuung ihres Kindes. Andrea Bondin erlebte die Sprachbarriere im Alltag als größere Herausforderung als erwartet. Zwar funktionierte die Kommunikation im beruflichen Umfeld gut, doch außerhalb davon war Englisch weit weniger selbstverständlich als in Malta. Tea Knez beschreibt vor allem den Wechsel von einer akademischen in eine stärker anwendungsorientierte Arbeitskultur als prägend und anspruchsvoll.

Gerade diese Erfahrungen zeigen aber auch, worin der Wert solcher Mobilitätsprogramme liegt. Sie vermitteln nicht nur neue Inhalte, sondern erfordern sich in ungewohnten Situationen zu orientieren. Entscheidend sind dabei klare Strukturen, verlässliche Betreuung und die Bereitschaft, sich auf neue Arbeitsweisen einzulassen. Die Integration in die Teams bei Steinbeis wurde von allen als offen, unterstützend und professionell beschrieben.

Praxisorientierte Methoden als Schlüssel

Ein zentraler Mehrwert der Entsendungen liegt in den konkreten Methoden, die vermittelt werden. Angie Mifsud hebt insbesondere die strukturierte Produktentwicklung hervor, die ihr einen klaren Weg von der Idee zum marktfähigen Angebot aufzeigt. Andrea Bondin betont die Bedeutung regelmäßiger Feedback- und Abstimmungsprozesse, die sowohl fachliche als auch persönliche Entwicklung fördern. Tea Knez gewann durch ihre Arbeit in der Verbreitung und Verwertung des EcoDaLLi-Projekts wiederum Klarheit darüber, wie man Workshops zur Wissensverwertung vorbereitet und durchführt.

Diese Beispiele verdeutlichen: Oft sind es weniger einzelne konkrete Inhalte als vielmehr Arbeits- und Denkweisen sowie Prozesse, die nachhaltige Wirkung entfalten. Wer lernt, frühzeitig Zielgruppen einzubeziehen, Fortschritte transparent zu reflektieren und Ergebnisse auf die Anwendung auszurichten, erwirbt Kompetenzen, die weit über das einzelne Projekt hinausreichen. Genau darin liegt die Stärke des Steinbeis-Ansatzes: Innovation wird nicht abstrakt vermittelt, sondern im konkreten Tun erfahrbar gemacht.

Wissenstransfer mit Multiplikatoreffekt

Der Erfolg von ERA SHUTTLE zeigt sich besonders im Transfer des erworbenen Wissens in die Heimatinstitutionen. Angie Mifsud entwickelte gemeinsam mit ihrer Gastgeberorganisation Workshops, die sie international präsentierte und weiter ausbauen möchte. Andrea Bondin nutzt seine neuen Kompetenzen direkt in seiner Forschung und unterstützt Kollegen als Ansprechpartner für Robotikthemen. Tea Knez integriert ihre Erfahrungen in laufende EU-Projekte und bringt sie aktiv in institutionelle Diskussionen zur Ergebnisverwertung ein.

So entsteht ein Multiplikatoreffekt: Wissen verbreitet sich nicht isoliert, sondern durch Zusammenarbeit, Projekte und Netzwerke – und wirkt weit über die eigentliche Entsendung hinaus. Sie schaffen nicht nur individuelle Lernerfolge, sondern stärken mittel- und langfristig ganze Institutionen.

Persönliche Entwicklung als entscheidender Faktor

Neben fachlichen Kompetenzen berichten alle Teilnehmenden von persönlichem Wachstum. Selbstständigkeit, interkulturelle Kompetenz und ein gestärktes Selbstvertrauen zählen zu den wichtigsten Effekten. Diese Fähigkeiten sind entscheidend für die Arbeit in internationalen Innovationssystemen. Sie ermöglichen es, komplexe Kooperationen zu gestalten, mit Unsicherheiten umzugehen und neue Perspektiven einzunehmen.

Gerade dieser persönliche Gewinn wird bei Mobilitätsprogrammen oft unterschätzt. Wer in einem anderen Land lebt und arbeitet, erweitert nicht nur fachliche Horizonte, sondern auch das eigene Verständnis von Handlungsfähigkeit. Neue Umgebungen, andere Arbeitskulturen und der Alltag außerhalb vertrauter Routinen fördern Anpassungsfähigkeit, Eigeninitiative und Resilienz.

Ein Modell mit Zukunft

Die bisherigen Erfahrungen bestätigen die Grundannahme von ERA SHUTTLE: Strukturierter Talentaustausch kann Innovationssysteme nachhaltig stärken. Gleichzeitig bleiben Herausforderungen – etwa sprachliche Barrieren, organisatorischer Aufwand und die langfristige Verankerung von Wissen in den Institutionen. Der ganzheitliche Ansatz des Projekts – die Kombination aus Mobilität, Weiterbildung und Netzwerkbildung – adressiert diese Punkte gezielt.

Besonders deutlich wird dabei die Bedeutung starker Partnerschaften zwischen akademischen und nicht-akademischen Akteuren. Gastgeberorganisationen wie Steinbeis übernehmen nicht nur die Rolle eines Einsatzorts, sondern schaffen Lernräume, in denen Wissenstransfer tatsächlich gelebt wird. Die bisherigen Erfahrungen der Teilnehmenden zeigen, dass der Erfolg solcher Programme wesentlich davon abhängt, wie ernst Betreuung, Offenheit und Anschlussfähigkeit genommen werden.

ERA SHUTTLE zeigt damit, dass erfolgreiche Innovation nicht nur von exzellenter Forschung abhängt, sondern auch von der Fähigkeit Wissen in die Praxis zu überführen. Programme dieser Art investieren nicht nur in individuelle Karrieren, sondern in die Zukunft des europäischen Forschungs- und Innovationsraums insgesamt. Sie schaffen Brücken zwischen Wissenschaft und Anwendung, zwischen Institutionen und Ländern, zwischen Idee und Umsetzung.

Kontakt

Evita Milan (Autorin)

Mitarbeiterin
Steinbeis Transfer-Hub Berlin

234218-46
Zuletzt geändert am 01.04.2026

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