Die Menschen hinter den Zahlen

Studie zu Kinderarmut in Baden-Württemberg

Eine vom Steinbeis-Innovationszentrum IfaS - Institut für angewandte Sozialwissenschaften vorgelegte Studie zeigt es deutlich: Armut in der Bundesrepublik Deutschland hat sich verändert. Sozialwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen sprechen schon seit längerem von einer „Infantilisierung der Armut“, denn zunehmend sind Kinder von einer neuen Qualität von Armut betroffen. Die Studie betrachtet Kinderarmut aus einer sozialarbeitswissenschaftlichen Perspektive, untersucht individuelle Problemlagen ebenso wie gesellschaftliche Exklusionsprozesse und leitet darüber hinaus Handlungsempfehlungen auf drei Ebenen ab.

Die Studie „Die Menschen hinter den Zahlen“ wurde von den Caritasverbänden der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Erzdiözese Freiburg in Zusammenarbeit mit dem Diözesanrat der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Auftrag gegeben mit dem Ziel, Ausmaß und Auswirkungen von Kinderarmut in Baden- Württemberg zu untersuchen. Hierfür wurde vom IfaS eine Studienkonzeption entwickelt, die die beiden Forschungsperspektiven „Kindheitsforschung“ und „Armutsforschung“ im Hinblick auf das Thema Kinderarmut zusammenführt. Damit steht nicht allein der Mangel an finanziellen Mitteln im Fokus der Betrachtungen, sondern vielmehr die Frage, inwiefern Kinder aufgrund eines Mangels an lebensnotwendigen Gütern, Einkommen, Handlungsspielräumen und/oder Entwicklungschancen in der Verwirklichung ihrer Lebensentwürfe benachteiligt und von der Teilhabe an unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionssystemen ausgeschlossen sind. In diesem mehrdimensionalen und komplexen Armutsverständnis liegt die besondere Stärke der Studienkonzeption, die die Auswirkungen von Einkommensarmut in fünf Entwicklungsdimensionen auf drei Bezugsebenen (Kind; Familie; Sozialraum) mit quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden analysiert.

Auch diese Studie nähert sich den Ausprägungen von Armut zunächst über Einkommensindikatoren. Diskutiert werden Ergebnisse zum Sozialgeldbezug (Bezug von ALG II) ebenso wie Ergebnisse des Sozioökonomischen Panels. Deutlich wird, dass sich in dem „reichen“ Bundesland Baden-Württemberg Armutslagen in verschiedenen Sozialräumen verdichten: In fünf Städten leben mehr als 15% der Kinder von 0 bis unter 18 Jahren in Bedarfsgemeinschaften. An der Spitze liegt dabei Mannheim mit 23%. Wesentliches Ergebnis ist im Weiteren, dass das Armutsrisiko steigt, je jünger die Kinder sind. So leben zum Vergleich in Mannheim 27,8% der Vorschulkinder in Familien mit ALG II-Bezug, im Landesdurchschnitt sind es 12%. Mit anderen Worten: In Baden-Württemberg lebt schätzungsweise jedes achte Kind unter sieben Jahren in einer Familie, die auf staatliche Transferleistungen angewiesen ist.

Für die qualitative Feldstudie wurden Interviews mit 24 Eltern und 19 Kindern aus vier Sozialräumen Baden-Württembergs geführt. Der Zugang erfolgte über den institutionellen Kontext, alle Studienteilnehmer hatten regelmäßigen Kontakt zu Caritas-Einrichtungen.

Die Ergebnisse für die Entwicklungsdimension Körperliche Entwicklung und Gesundheit zeigen für junge Menschen gesundheitliche Risiken in der seelischen Entwicklung, vor allem, wenn die Bezugspersonen mit der Bewältigung der Armutslage und deren Folgen überfordert sind und unter psychischen Problemen leiden. Körperliche, psychische, aber auch strukturelle Vernachlässigung, Verwahrlosung oder Gewalterfahrungen sind zusätzliche gesundheitliche Risiken für die Kinder. Neben ungesunden Sozialräumen sind es insbesondere psychosoziale Stressoren, die einen negativen Einfluss auf die kindliche Entwicklung ausüben. Besonders bedenklich erscheinen die zahlreichen Hinweise auf sozialen Rückzug als Bewältigungsstrategie der sozialen Lage.

In Bezug auf die Entwicklungsdimension Kognitive Entwicklung, Bildung und Lernen finden sich in den Ergebnissen weiterführende Erklärungen für die oftmals katastrophalen Bildungsbiographien armer Kinder. Dabei tritt der Mangel an fundamentalen Entwicklungsmöglichkeiten vor allem gegen Ende der Grundschulzeit offen zutage, insbesondere, wenn es um das Interesse der Erwachsenen an schulischen Belangen und die notwendige Unterstützung der Kinder beim Lernen geht. Armen Kindern sind entsprechende Bildungswege tendenziell verschlossen; je älter die Kinder, umso mehr wird von Schulproblemen und innerfamiliären Auseinandersetzungen berichtet. Die Verantwortung für die Begleitung der kindlichen Lernprozesse wird häufig auf externe Institutionen übertragen. Diese Faktoren wirken sich prägend auf die weitere schulische, berufliche und persönliche Entwicklung armer Kinder aus.

„Also ich kann’s mir nicht leisten, dass ich sagen kann, lad’ ein paar Freunde von Dir ein…“. So formuliert eine Mutter eine der bedeutendsten Mangellagen im Rahmen der Dimension Soziale Entwicklung, soziale Kompetenzen und soziale Netzwerke. Arme Familien kapseln sich extrem ab! Viele arme Kinder haben nur eingeschränkte Möglichkeiten, förderliche soziale Kontakte einzugehen. Als soziale Bewältigungsstrategien finden sich sowohl Solidarität und Unterstützung unter finanziell schwachen Familien als auch – wesentlich häufiger – Ab- und Ausgrenzung bzw. starke Ausdifferenzierung innerhalb der sozialen Schicht. Arme Kinder erleben schon früh gesellschaftliche Ausgrenzung und Zugehörigkeit zu einer unteren, benachteiligten gesellschaftlichen Schicht, die – und das ist alarmierend – zeitlebens kaum mehr verlassen wird.

Wie schon bei der Bildung kommt in der Entwicklungsdimension Kulturelle Entwicklung und Freizeitgestaltung ein Mangel zum Tragen, der sich vor allem in einem reizarmen Muße- und Regenerationsspielraum für arme Kinder äußert. In den städtischen Brennpunkten fehlen Räume zur aktiven Freizeitgestaltung in der unmittelbaren Umgebung der Kinder (Spiel- und Sportplätze, Freiflächen). Ein kritischer und kontrollierter Umgang mit elektronischen Medien ist die Ausnahme, es überwiegt passiver und häufiger Konsum. Der feststellbare Mangel ist hier eine Überflutung mit Reizen, denen die Kinder mehr oder weniger hilflos ausgesetzt sind. Auffällig ist die geringe Nutzung öffentlicher Kultureinrichtungen. Gemeinsame Familienaktivitäten sind rar. Der Sozialraum wird kaum verlassen, die Tage verlaufen weitgehend gleichförmig.

Arme Kinder erleiden einen fundamentalen Mangel in der Entwicklung stabiler Persönlichkeitsfaktoren. In der Entwicklungsdimension Persönlichkeitsentwicklung, Selbstachtung und Selbstwert kumulieren viele der dargestellten Ergebnisse. In allen Interviews spielt die (Un-)Möglichkeit, konsumieren zu können, eine Rolle. Eltern und Kinder sind gestresst, weil die permanenten Einschränkungen bzw. der geforderte Verzicht zu Enttäuschungen, Vorwürfen, Neid und Schamgefühlen führen. Innerhalb der Familien herrscht oftmals ein angespanntes Klima, für die Kinder gibt es wenig Mitspracherechte. Außerdem müssen arme Kinder häufig Funktionen bzw. Rollen übernehmen, die ihrem Entwicklungsstand und ihrer Persönlichkeit nicht immer gerecht werden. In Bezug auf die eigene Person oder gar die eigenen Stärken sind die meisten armen Kinder weitgehend sprachlos.

Arme Kinder, die nachweislich einen Mangel in ihren fundamentalen Entwicklungs- und Teilhabemöglichkeiten erleiden (und damit in manifester oder sogar extremer Armut leben), brauchen die Solidarität aller. Armut von Kindern und ihren Familien ist eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft. Einer der bedrückendsten Aspekte von manifester oder extremer Armut, den die Studie zu Tage förderte, ist das soziale „cocooning“ der betroffenen Familien.

Gerade junge Menschen sind extrem gefährdet, ein Leben lang in der Armutslage zu verharren. Perspektivisch geht es also darum, dafür Sorge zu tragen, dass Einkommensarmut der Erwachsenen/Familien nicht zu Armut an Entwicklungschancen für die Kinder wird. Es ist an der Zeit, die in dieser Studie aufgezeigte Vielschichtigkeit des Phänomens „Armut“, vor allem aber die ebenso dramatischen wie skandalösen Entwicklungen als besondere Problematik heutiger Kinderarmut deutlich und präzise zu benennen, im politischen Raum zu kommunizieren und entsprechende Forderungen an die politisch Verantwortlichen und die Öffentlichkeit zu stellen.

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