Mit wenig viel bewegen

Steinbeis-Seminar „Weiterentwicklung mit PS“

„Und nun rein zu den Pferden, sucht euch eines aus, mit dem ihr arbeiten möchtet.“ Dieser Aufgabe stand Isabelle Chappuis nach einer knappen Stunde Intensiv-Seminar „Weiterentwicklung mit Pferdestärke“ in einer Reitschule im baden-württembergischen Sindolsheim gegenüber. Das Seminar wird vom Steinbeis-Beratungszentrum Personal und Persönlichkeitsentwicklung in Kooperation mit dem Steinbeis- Beratungszentrum Coachingmeisterei angeboten. Drei Fachleute aus den Bereichen Persönlichkeitsentwicklung und Coaching sowie eine Pferdewirtschaftsmeisterin leiten und coachen kompetent durch das Seminar, dessen Ziel es ist, Führungskräfte in ihrer Wirksamkeit zu fördern. Von ihren Erfahrungen mit den Vierbeinern erzählt Isabelle Chappuis.

„Na dann los, immer munter unter den Zaunstricken durch”, sage ich mir auf dem Weg in den Stall, „schließlich bist du hergekommen, um mehr über deine Führungsqualitäten zu erfahren”. Der Mut verlässt mich allerdings angesichts der engen Platzverhältnisse und der darin herumstampfenden Rosse. Und so schleiche ich mich in sicherem Abstand um das erste herum. Ich halte mich an eine Stute mit glänzendem Fell. „Hallo du, wie wär’s denn mit uns zweien?”, frage ich beherzt. Sie wendet sich ab und trottet in die andere Ecke. Nicht gerade das, was man Liebe auf den ersten Blick nennt. Ich halte also weiter Ausschau und nähere mich einem unscheinbaren Pferd. Der gleiche Spruch scheint dieses Mal zu funktionieren. Es bleibt stehen und lässt sich sogar von mir striegeln.

Das Seminar verspricht, mich in meiner beruflichen Führungsrolle zu stärken. Und das auf eine ungewöhnliche Weise: Nicht im Unterrichtsraum, sondern auf der Pferdekoppel. Als Teilnehmer müssen wir nicht auf den Pferden reiten, sondern sie gezielt an einer Leine führen und mit ihnen zusammen einfache Aufträge erledigen. Das klingt nach einem Kinderspiel, für mich stellt es jedoch eine echte Herausforderung dar. Pferde hatten bisher für mich vor allem zwei Eigenschaften: riesig und unberechenbar.

Als wir die Pferde auf die Koppel führen, merken wir schon, dass es nie genau so geht, wie wir uns das vorstellen. Sie scheren aus, bleiben augenrollend stehen oder vertiefen sich in saftige Grasbüschel. Wir erfahren, dass es innerhalb von Pferdegruppen immer soziale Gefüge und eine klare Hierarchie gibt und dass jedes Pferd seinen Charakter besitzt. Wenn man diese Eigenschaften kennt und soweit wie möglich respektiert, klappt die Zusammenarbeit am besten. Der Wallach muss also an der Spitze gehen, gefolgt von seiner Verlobten. Ganz zuletzt geht stets die intelligente, aber etwas neurotisch veranlagte Stute. „Aha“, denke ich mir, „da haben wir schon mal ganz urmenschliche Zustände!“

Auf dem Platz stehen einfache Übungen an, wie das Pferd an der Leine um ein paar Hindernisse herumzuführen oder es gezielt zum Anhalten und Losgehen zu bringen. „Da kann ja gar nichts schief gehen“, frohlocke ich. Mein Pferd scheint allerdings nichts zu begreifen. Ich muss es geradezu gewaltsam um die Pfähle herumlotsen. Mit meinem Führungsstil geht eindeutig zuviel Energie verloren, stelle ich ernüchtert fest. Jeder Durchgang wird von den Kollegen und Seminarleiterinnen genau verfolgt und mit einem unmittelbaren Feedback kommentiert. Erstaunlich, wie unterschiedlich diese elementare Aufgabe bewältigt wird: Der eine schiebt, die andere zieht, der dritte führt so straff, dass das Pferd ihm als Folge ungewollt auf die Füße tritt. Als Beobachterin versteht man intuitiv die Reaktion der Pferde: Wer möchte schon den Vorgesetzten so auf der Pelle und keinerlei Spielraum haben? Ganz ohne klare Richtungsangaben durch eine Chefin besteht hingegen die Gefahr, dass der Geführte seinen eigenen Interessen nachgeht.

Pferde, so erfahren wir in den kurzen theoretischen Inputs, sind wie Menschen, nur besser, und darum ein so gutes Übungsfeld für Personen mit Führungsaufgaben. Grundsätzlich sind sie willig und froh zu folgen und zu arbeiten. Sie haben keine Vorurteile und sind nicht nachtragend. Sie reagieren immer direkt. Und vor allem will sich die Herde auf ein Leitpferd verlassen können, das in gefährlichen oder schwierigen Situationen weiß, wo es lang geht.

Nach zahlreichen Durchgängen haben wir gelernt, den Pferden die Lust und die Sicherheit zu geben, uns vertrauensvoll zu folgen. Einen sehr eindrücklichen Moment erleben wir schließlich, als eine Stute aus einem Pferdeverband in eine andere Koppel zu einer zweiten Pferdefamilie gebracht wird. Welche Aufregung! Der Leitwalach ist begeistert über das neue Mitglied, die Stuten hingegen versuchen, die Neue aus der Gruppe auszuschließen. Diese heftigen Reaktionen werden mir gegenwärtig sein, wenn das nächste Mal personelle Wechsel anstehen. Es wird mir klar, dass Veränderungen in gewachsenen Teams umsichtig angegangen werden müssen.

Ich kehre inspiriert nach Hause zurück. Meine Angst vor Rössern habe ich in Sindolsheim gelassen. Das praktische Arbeiten mit Tieren hat mich gelehrt, auch bei Menschen viel bewusster und vor allem mit mehr Klarheit

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