Familienbewusstsein zahlt sich aus

Familienbewusstsein zahlt sich aus

SHB-Stiftungslehrstuhl untersucht Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Österreich

Demographische und arbeitsmarktpolitische Veränderungen haben die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den vergangenen Jahren in den Fokus von Politik, Wissenschaft und Wirtschaft gerückt. Der demographische Wandel schreitet voran und führt zu einem kontinuierlich abnehmenden Erwerbspersonenpotenzial und in Folge zu einem Mangel an qualifizierten Beschäftigten. Somit stehen Unternehmen zunehmend vor der Aufgabe, ihre Mitarbeiter langfristig an das Unternehmen zu binden, respektive neue Mitarbeiter zu gewinnen. Dabei kommen vor allem Personen in Betracht, die aus unterschiedlichen Gründen nicht oder in geringerem Umfang als von ihnen gewünscht erwerbstätig sind. Dazu gehören auch Menschen mit Familienpflichten. Allerdings ist eine familienbewusste Personalpolitik in Unternehmen noch keine Selbstverständlichkeit, um Beschäftigten die Kombination der Lebensbereiche Familie und Beruf zu ermöglichen. Um den Status Quo in Österreich zu ermitteln, führte das Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik (FFP) am SVI-Stiftungslehrstuhl für Marketing und Dialogmarketing der Steinbeis-Hochschule Berlin im Auftrag des österreichischen Bundesministeriums für Wirtschaft, Familie und Jugend eine repräsentative Unternehmensbefragung durch.

„Die Umfrage verfolgte zweierlei Ziele“, erläutert Prof. Dr. Dr. Helmut Schneider, Direktor des FFP und Inhaber des Stiftungslehrstuhls, „einerseits wurde der gegenwärtige Zustand betrieblichen Familienbewusstseins österreichischer Unternehmen ermittelt und andererseits darauf aufbauend untersucht, welche betriebswirtschaftlichen Effekte mit familienbewusster Personalpolitik einhergehen.“ 411 nach Größe und Branche repräsentativ ausgewählte Personalverantwortliche wurden dazu Anfang des Jahres befragt.

Mithilfe des an österreichische Spezifika angepassten berufundfamilie- IndexAT erfassten die Forscher das betriebliche Familienbewusstsein. Dieses bereits in Deutschland und der Schweiz erfolgreich eingesetzte Messinstrument besteht aus 21 auf einer 7er-Skala erhobenen Fragen und betrachtet neben familienfreundlichen Leistungen auch betriebliche Informations- und Kommunikationsprozesse sowie die Unternehmenskultur. Für jedes Unternehmen wurden anschließend die Antworten zu einem unternehmensindividuellen Wert aggregiert, der zwischen 0 (gar nicht familienbewusst) und 100 (sehr familienbewusst) liegen kann.

Im Ergebnis zeigt sich, dass die österreichischen Unternehmen einen durchschnittlichen Indexwert von 66,7 Punkten erreichen – ein durchaus positiver Wert. Allerdings offenbaren sich zwischen den Unternehmen große Unterschiede. Sehr familienbewusste Unternehmen (die 25% Unternehmen mit den höchsten Indexwerten - High 25%) erreichten durchschnittlich einen sehr guten Wert von 86,0 Punkten, wenig familienbewusste Unternehmen (die 25% Unternehmen mit den niedrigsten Indexwerten - Low 25%) hingegen nur einen Wert von 44,1 Punkten.

Zudem wurde auf Basis des berufundfamilie-IndexAT analysiert, wie sich Familienbewusstsein auf betriebswirtschaftliche Größen auswirkt. Das Forscher-Team setzte dafür voraus, dass betriebliches Familienbewusstsein einen Einfluss auf unternehmensinterne Prozesse hat, die wiederum bestimmte betriebswirtschaftlich relevante Folgen haben. Diese Effekte lassen sich in einem Zielsystem mit 11 Zielbereichen erfassen, die auf Mitarbeiter wirken. In diesen 11 Zielbereichen wurden insgesamt 19 Variablen zur Messung des Zielerreichungsgrades erhoben.

Familienbewusstsein zahlt sich für Unternehmen aus, das belegt die Untersuchung. Bei 15 von 19 untersuchten betriebswirtschaftlichen Größen konnte ein signifikant positiver Einfluss des Familienbewusstseins nachgewiesen werden. Das legt den Schluss nahe, dass eine familienbewusste Personalpolitik umfassend wirkt. Hohes betriebliches Familienbewusstsein verringert nicht nur die Fluktuationsrate und die krankheitsbedingten Fehltage, sondern verbessert auch das familienbewusste Image und erhöht die Motivation sowie Verbundenheit der Mitarbeiter mit dem Unternehmen. So haben zum Beispiel wenig familienbewusste Unternehmen 19% mehr krankheitsbedingte Fehltage als der Durchschnitt aller Unternehmen, wohingegen sehr familienbewusste Unternehmen 23% weniger krankheitsbedingte Fehltage aufweisen. Ein ähnliches Ausmaß zeigt die Fluktuationsrate sowie die Elternkarenzdauer. Insgesamt schneiden sehr familienbewusste Unternehmen zwischen 2% und 23% besser, wenig familienbewusste Unternehmen hingegen zwischen 3% und 21% schlechter als der Durchschnitt aller Unternehmen ab.

Allen österreichischen Unternehmen steht mit der Webseite des berufundfamilie- IndexAT ein Instrument zur Verfügung, mit dem sie das Ausmaß ihres Familienbewusstseins selbst bestimmen und sich mit allen in der Studie inkludierten Unternehmen vergleichen können.

Kontakt

Prof. Dr. Dr. Helmut Schneider, Anja Quednau
SVI-Stiftungslehrstuhl für Marketing und Dialogmarketing der Steinbeis-Hochschule Berlin (Berlin)
helmut.schneider@stw.de

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