Reale Sprache - authentisches Lernen

Moderne Korpustechnologien für den Fremdsprachenunterricht

Mit der kommunikativen Ausrichtung des Fremdsprachenlernens seit den frühen 1970er-Jahren stieg die Forderung nach Authentizität und somit der Bedarf am Zugang zu realer Sprache. Aus sprachdidaktischer Sicht stellt das keine Neuigkeit dar. Neu sind allerdings die Möglichkeiten, die sich mit dem Internet und den Verarbeitungskapazitäten des Computers für die Sprachdidaktik ergeben.

Das von der Europäischen Kommission geförderte Forschungs- und Entwicklungsprojekt SACODEYL (System Aided Compilation and Open Distribution of European Youth Language) macht sich dieses Potenzial zunutze, um Schülerinnen und Schülern Sprachlerninhalte und -aktivitäten zu erschließen, die für sie relevant und damit authentisch sind. Anstatt mit eigens erstellten Sprachlernübungen Grammatik und Wortschatz zu pauken, sollten Fremdsprachenlerner die Möglichkeit erhalten, ihre kommunikative Sprachkompetenz in realen und für sie relevanten Kommunikationszusammenhängen zu entwickeln. Die Anbindung des Fremdsprachenlernens an kulturelle und fachliche Inhalte und Kommunikationssituationen, auf die die Lernenden sich sprachlich vorbereiten wollen oder müssen, dient diesem Zweck.

Ausgangsmaterial für den Sacodeyl-Ansatz sind digitale Sprachkorpora, die für nichtkommerzielle Zwecke frei genutzt werden können. Das Steinbeis-Transferzentrum Sprachlernmedien bietet auf seiner Webseite freien Zugang sowie einen Beratungsservice für Kunden, die das Sacodeyl-Potenzial für die Erstellung und den didaktischen Einsatz eigener Korpora verwenden möchten.

Die Sacodeyl-Sprachkorpora umfassen jeweils etwa 10-minütige Video-Interviews mit Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren aus sieben europäischen Ländern: Deutschland, England, Frankreich, Italien, Litauen, Rumänien und Spanien. Die Jugendlichen erzählen von ihren Interessen und Hobbys sowie von ihren Freizeit-, Schul- und Urlaubsaktivitäten, sie sprechen über private und berufliche Zukunftspläne und äußern ihre Meinung zu verschiedenen Diskussionsthemen. Diese Interviews wurden orthographisch transkribiert, in kürzere Interviewabschnitte aufgeteilt und dann abschnittsweise mit einer im Projekt eigens entwickelten didaktisch motivierten Software annotiert. Die Annotationskategorien können vom Benutzer den jeweiligen Sprachlernbedürfnissen gemäß festgelegt werden. Sie betreffen z. B. Informationen zur thematischen Ausrichtung, didaktisch relevante grammatische Strukturen sowie die Einstufung der erforderlichen Sprachkompetenz nach den Kriterien des Common European Framework.

Technisch erfolgt die Annotation auf denkbar einfache Weise durch Ziehen einer Annotationskategorie auf den Interviewabschnitt, auf den diese Kategorie zutrifft. Zusätzlich ist es möglich, Interviewabschnitten mittels eines dynamischen Ressourcenblatts weitere Ressourcen zuzuordnen, deren Adressen in einem virtuellen Ressourcenpool gespeichert sind. In Sacodeyl wird diese Ressourcen- Funktion genutzt, um Lehrenden und Lernenden Zugang zu interviewspezifischen Video-, Ton- und Bilddateien zu verschaf fen. Darüber hinaus dient sie der Anbindung multimedialer Sprachlernmodule, die mit Hilfe der Autorensoftware Telos Language Partner das Sprachlernangebot des betreffenden Interviewabschnitts wie Leseverstehen, Grammatikerwerb, Wortschatzerweiterung aufgreifen. So lassen sich didaktisch angereicherte webbasierte Sprachkorpora erstellen, die ein reichhaltiges Reservoir an realer Sprache für relevante Sprachlernaktivitäten bieten.

Die didaktische Recherche und die Nutzung dieses Reservoirs werden durch eine ebenfalls im Sacodeyl-Projekt entwickelte webbasierte Suchsoftware unterstützt. Mit ihrer Hilfe können Lehrende wie auch Lernende gezielt nach Interviewausschnitten und zugehörigen Lernmaterialien suchen. Im Browse-Modus kann man sich zunächst einen Überblick über sämtliche Interviews eines Korpus verschaffen. Von hier aus ist es auch möglich, das jeweils zugehörige Transkript oder das Video aufzurufen. Der Search-Modus erlaubt eine differenzierte Suche, in der Wörter und Wortgruppen mit thematischen und sprachlichen Kategorien verbunden werden können.

Auf diese Weise lassen sich Interviewausschnitte zu einem bestimmten Thema finden, die zugleich auch bestimmte (thematisch relevante) Wörter und grammatische Strukturen enthalten. Von den Fundstellen aus können die zugehörigen Video- und Tonclips direkt abgespielt werden. Außerdem sind auch die Internet-Adressen der Video- und Tondateien oder multimedialen Sprachlernmodule, die einem Interviewabschnitt per Ressourcenblatt zugeordnet sind, zugänglich und können zur Einbettung in beliebige Lernkontexte zur Verfügung gestellt werden.

Besonders effektiv und vielfältig können die Interviews samt zugehörigen Ressourcen etwa in Kursräumen der e-Learning-Plattform Moodle genutzt werden. Dort ist es Lehrenden ohne großen Aufwand möglich, motivierende Lerneinheiten mit Links zu den ausgewählten Interviewabschnitten, Video-/ Tonclips und Lernmodulen zu erstellen. Speziell für die Nutzung der Interviewmaterialien in Moodle wurden zu jedem Sacodeyl- Korpus explorative und kommunikative Musterübungen erstellt, die von kommunikativen und kollaborativen e-Learning-Aktivitäten wie Chat, Forum und Wiki Gebrauch machen. Diese Übungen schließen auch die Nutzung der Sacodeyl-Suchsoftware durch die Schüler selbst ein, die mit gezielten Such- und Arbeitsanweisungen mit Hilfe der Korpora bestimmte Inhalte erschließen oder lexikalische und grammatische Recherchen durchführen können.

Die hier beschriebene Methode des korpusbasierten Sprachenlernens eröffnet neue Möglichkeiten der didaktischen Erschließung realer Sprache für die Unterstützung authentischer und motivierender Sprachlernaktivitäten. Sie lässt sich – insbesondere in kollaborativen Lehrerverbünden – ohne Weiteres auf andere Sprachen, Sprachvarietäten, Themenbereiche und Zielgruppen übertragen.

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