Gesundheitstelematik im Anmarsch

Telemedizin triggert neue Versorgungsformen im Gesundheitswesen

Unter dem Begriff „Telemedizin“ versteht man die Erbringung medizinischer Dienstleistungen unter Zuhilfenahme moderner Informationsund Kommunikationstechnologien, die die räumliche Entfernung überwinden. Es handelt sich dabei also um Anwendungen der Telematik im Gesundheitswesen oder kurz „Gesundheitstelematik“, wobei die Äquivalenz der Begriffe umstritten ist. Eng verbunden damit ist der Begriff „E-Health“, mit dem der Einsatz elektronischer Medien im Gesundheitswesen bezeichnet wird.

Die Gesundheitstelematik hat sich zu einem wesentlichen Trigger der Gesundheitswirtschaft in Europa etabliert. Dabei ist die telemedizinische Versorgung von Patienten kein neuer Gedanke. Bereits im Jahre 1905 übertrug Willem Einthoven, der Vater des modernen EKG, Herztöne per Telefon. Seit 1931 betreiben Ärzte des Stadtkrankenhauses Cuxhaven einen medizinischen Beratungsservice für Patienten auf See im Rahmen des Telemedical Marine Assistance Service (TMAS). Medizinische Hausnotrufsysteme werden in Deutschland seit Beginn der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts angeboten. Die Liste der historischen Anwendungen ließe sich beliebig erweitern. Doch warum hat die Telemedizin bisher nicht den erwarteten Einfluss auf Versorgungsstrukturen im deutschen Gesundheitswesen?
Die meisten Gesundheitsexperten sind sich darüber einig, dass ein größerer Einsatz der Telemedizin erhebliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen könnte. Dennoch sind viele telemedizinische Dienste und Projekte immer noch kein Standard im medizinischen Alltag, sondern häufig Pilotprojekte, die nach Ende der Förderphase nicht fortgeführt werden. Deutschland blickt auf eine langjährige Auseinandersetzung der Selbstverwaltung von Ärzten, Krankenkassen und weiteren Akteuren über die Ausgestaltung der Telematikinfrastruktur zurück. Die mehrfach verschobene Einführung der elektronischen Gesundheitskarte sowie der immer noch tobende Kampf um die damit verbundenen Anwendungen haben eine breitbandige Einführung telemedizinischer Dienste bisher verhindert. Andere Länder sind da schon weiter. Beispielsweise existiert in Dänemark ein zentrales Gesundheitsportal, über das medizinische Daten jedes einzelnen Patienten erfasst und abgerufen werden können. Damit ist in Dänemark eine zentrale elektronische Patientenakte als Grundlage für weitere telemedizinische Dienste bereits Realität. In Deutschland dagegen fehlen immer noch Abrechnungsziffern für ambulante telemedizinische Leistungen und es existiert eine unüberschaubare Vielzahl an Projekten und Initia- tiven. Erfreulicherweise haben inzwischen einige davon aller Widrigkeiten zum Trotz den Sprung von der Pilot- in die Routinephase geschafft. So gibt es beispielsweise viele regionale teleradiologische Verbünde, bei denen Bilddaten zwischen Krankenhäusern bzw. niedergelassenen Radiologen übertragen werden und so die radiologische Expertise insbesondere für kleinere Einrichtungen dauerhaft sichergestellt wird. Ein weiteres Beispiel ist das in vielen Regionen etablierte neurologische Telekonsil, bei dem die Expertise von Stroke-Units für die lokale Versorgung von Schlaganfall-Patienten mittels Diagnose per Videokonferenz bereitgestellt wird.

Allen Akteuren im Bereich der Gesundheitswirtschaft ist klar, dass die Telemedizin angesichts der alternden Gesellschaft ein enormes wirtschaftliches Potenzial bietet. Die Versorgung einer wachsenden Zahl chronisch Kranker sowie multimorbider Patienten im häuslichen Umfeld ist eine Herausforderung, die ohne den Einsatz der Gesundheitstelematik nicht adäquat gemeistert werden kann. Auch die Versorgung von Patienten im ländlichen Raum wird angesichts des abzusehenden Mangels an Landärzten ohne Telemedizin kaum bewältigt werden können. Die Medizintechnik-Hersteller haben auf diese Anforderungen bereits reagiert und bieten zahlreiche Lösungen an. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Ambient Assisted Living (AAL). Bei AAL handelt es sich um Technologien und Anwendungen, die das alltägliche Leben älterer und/oder kranker Menschen unterstützen und sich in deren Lebensumfeld integrieren sollen. Hierzu gehört beispielsweise die telemedizinische Überwachung des Gesundheitszustands durch regelmäßige Erfassung von Vitalparametern wie Puls, Blutdruck oder Hydrierungszustand und deren Auswertung in einer Zentrale. Im Rahmen von Therapiemanagementsystemen wird dieses Telemonitoring von Vitalparametern ergänzt durch Dialogsysteme, die weitere Gesundheitsparameter im Dialog mit dem Patienten erfassen und Verhaltensanweisungen geben. Offensichtlich ist der Markt für derartige Anwendungen so vielversprechend, dass branchenfremde Unternehmen bereit sind, größere Investitionen in Forschung und Entwicklung zu tätigen, um hier Fuß zu fassen. So ist es kein Geheimnis mehr, dass Apple mit seiner HealthKit App Standards für die Integration verschiedener Sensoren, wie sie für die Erfassung von Parametern im Fitness- und Gesundheitsbereich verwendet werden, setzen will. Zudem sollen über Apple’s Cloud-Technologie die erfassten Gesundheitsparameter zentral gespeichert und verwaltet werden können.

Es bleibt zu hoffen, dass es nicht zu einer Vielzahl von inkompatiblen Insellösungen kommt. Erfreulicherweise gibt es ernsthafte Standardisierungsbemühungen. Noch wichtiger für die Integration der Systeme und die kontinuierliche Nutzung der erfassten Gesundheitsdaten ist die Etablierung einer zentralen elektronischen Patientenakte im Sinne eines Electronic Healthrecord, auf den Ärzte wie Patienten gleichermaßen Zugriff haben. Die Schaffung eines derartigen zentralen Instruments ist in Deutschland bisher nicht gelungen, wobei vorwiegend Probleme des Datenschutzes dafür verantwortlich gemacht werden. Angesichts der Tatsache, dass wir in Deutschland einen Großteil unserer Bankgeschäfte online abwickeln und dort die Datenschutzprobleme offensichtlich gelöst werden konnten, scheint diese Argumentation allerdings schwer nachvollziehbar. Die dringend benötigten neuen Versorgungsformen, die durch sich rasch entwickelnde technische Lösungen der Telemedizin ermöglicht werden, sind im europäischen Ausland teilweise schon etabliert und werden sich wohl auch in Deutschland nicht mehr aufhalten lassen.

Kontakt

Prof. Dr. Hans-Heino Ehricke ist Leiter des Steinbeis-Transferzentrums Bildverarbeitung und Medizininformatik an der Fachhochschule Stralsund. Neben der Entwicklung von Anwendungen im Bereich der Bildanalyse projektiert und betreibt das Zentrum telemedizinische Netzwerke, wie z.B. das teleradiologische Netzwerk des Landes Mecklenburg- Vorpommern.

Professor Dr. Hans-Heino Ehricke
Steinbeis-Transferzentrum Bildverarbeitung und Medizininformatik (Stralsund)
su0384@stw.de

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