Gesunde Ernährung, Nahrungsmittelindustrie und Public Health – Problemfeld oder Chance?

Was braucht man, um lang und gesund zu leben?

Es ist wissenschaftlich gut belegt, dass eine ausgewogene, vielseitige Ernährung in Kombination mit regelmäßiger körperlicher Aktivität die Basis für ein gesundes und langes Leben darstellt. Bei Beachtung der Empfehlungen zur Kalorienbilanz und Nährstoffzusammensetzung müsste es in den Industriestaaten eigentlich deutlich weniger Gewichtsprobleme und ernährungsbedingte chronische Erkrankungen geben. Die Realität sieht allerdings so aus: in Deutschland sind derzeit über 50% der Erwachsenen übergewichtig, 20% sind adipös und 7% leiden an Diabetes mellitus.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind mittlerweile die häufigste Todesursache in Deutschland und die Zeitspanne, in der eine immer älter werdende Bevölkerung chronisch krank oder pflegebedürftig ist, nimmt ständig zu. Beim Blick auf die Ursachen stellt man fest, dass die Ernährung teilweise wider besseres Wissen nicht den Empfehlungen der Ernährungsexperten entspricht.

In erster Linie ist unsere Ernährung zu kalorienreich, enthält zu viel Fett und zu viele einfache Kohlenhydrate.

In den sogenannten entwickelten Industriestaaten wird zunehmend seltener selbst gekocht und das Essen in Restaurants, vor allem Fast-Food- Restaurants, ersetzt immer häufiger das Essen zuhause. Mit steigendem Anteil an Fast-Food oder Fertigprodukten sinkt die Kontrolle über die Qualität und Quantität der Zutaten. Essen und Mahlzeiten haben keinen festen Platz mehr im Tagesablauf. Man isst, wenn man etwas Leckeres sieht und wovon man meint, dass es satt macht. Nicht selten verlieren die Menschen den Überblick, was sie im Laufe des Tages gegessen und wie viel sie zusätzlich genascht haben.

Eine weitere Ursache für die Zunahme von Übergewicht und chronischen Erkrankungen beruht auf der Tatsache, dass Sport und Bewegung als positiver Gesundheitsfaktor in unserer Bevölkerung immer weniger genutzt werden. Unter Berücksichtigung der Aktivitätsempfehlungen zur Prävention chronisch-degenerativer Erkrankungen erreichen gerade 46% der westdeutschen und sogar nur 30% der ostdeutschen Männer im Alter zwischen 18-29 Jahren die Aktivitätsempfehlungen zur Gesunderhaltung. Bereits nach dem 30. Lebensjahr sinkt dieser Anteil in West- wie Ostdeutschland auf unter 15-20%. Diese Zahlen sind sowohl individuell wie auch aus einem salutogenetischen Ansatz sehr enttäuschend, da in den vergangenen Jahren große kontrollierte Studien die positiven Effekte der Lebensstilintervention über körperliche Aktivität und Ernährung in der Gesunderhaltung und Prävention chronischer Erkrankungen eindrucksvoll aufgezeigt haben.

Das Ziel muss es daher sein, das Ernährungs- und Aktivitätsverhalten der deutschen Bevölkerung auf breiter Ebene zu verändern. Es werden tragfähige und validierte Konzepte zur Optimierung gesunder Lebensstilstrategien, wie z.B. das in Freiburg entwickelte M.O.B.I.L.I.S.-Programm gebraucht, um die Bevölkerung wieder auf einen gesunden Lebensstil- Kurs zu bringen. Hierzu sind aber auch die Unternehmen gefragt, die in Vorreiterfunktion Wege zur gesunden Ernährung und vermehrter Bewegung auch am Arbeitsplatz anbieten und propagieren müssen. Die Datenlage, dass sich eine betriebliche Gesundheitsfürsorge mittel- wie langfristig für die Unternehmen positiv auswirkt, ist mittlerweile sehr breit und belastbar.

Vielen Deutschen ist bewusst, dass ihre Ernährung nicht optimal ist. Dies wird durch Werbemaßnahmen verstärkt, die den Verbrauchern vermitteln sollen, dass ernährungsbedingte Defizite durch Nahrungsergänzungsmittel, verschiedene Mineralstoff- oder Vitaminsupplemente und Spurenelemente ausgeglichen werden können. Ohne Zweifel ist eine Substitutionstherapie bei nachgewiesenem Mangel (z.B. Eisen oder Vitamin D) medizinisch sinnvoll und notwendig – nicht selten werden jedoch Versprechungen zur Gesundheit gemacht, die einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht standhalten. Die Wissenschaft kann jedoch durch ihr medizinisch-ernährungswissenschaftliches Know-how und die Durchführung belastbarer, kontrollierter und randomisierter Studien dazu beitragen, die Spreu vom Weizen zu trennen und das Portfolio sinnvoller und wirksamer Substanzen zu erweitern und zu optimieren.

Das Steinbeis-Transferzentrum Gesundheitsförderung und Stoffwechselforschung untersucht die Optimierung von Maßnahmen zur thera- peutischen Lebensstiländerung durch Ernährung und körperliche Aktivität. Darüber hinaus wird in klinisch-kontrollierten und randomisierten Studien die Wirksamkeit oder Unwirksamkeit von Nahrungsergänzungsmitteln oder ergänzenden bilanzierten Diäten (EBD) erforscht.

Im Fokus der Forschungsarbeit stehen derzeit:

  • Die Evaluation der Wirkung bestimmter Ernährungsformen (z.B. Kohlenhydrate vs. Protein/Einfluss des glykämischen Index) auf den Gewichtsverlauf, die Körperkomposition und metabolische Risikofaktoren,
  • die Planung und praktische Implementierung von betrieblichen Maßnahmen zur Gesundheitsförderung über Ernährung und vermehrte körperliche Aktivität,
  • die Bestimmung des Einflusses definierter Diätprodukte auf die Prävention und Therapie von Übergewicht und assoziierten Erkrankungen sowie
  • die Bedeutung der Ernährung und definierter Nahrungsergänzungsmittel bzw. EBDs für akute und chronische Erkrankungen wie Osteoporose, Arthrose oder gastrointestinale Erkrankungen.

Kontakt

Prof. Dr. med. Daniel König leitet das Steinbeis-Transferzentrum Gesundheitsförderung und Stoffwechselforschung am Universitätsklinikum Freiburg. Neben Messungen zum Energieumsatz in Ruhe und Belastung und der Bestimmung der Energiebereitstellung über die Determinierung des respiratorischen Quotienten führt das Zentrum kardiopulmonale Funktionsdiagnostik und Messungen der Glukose- und Insulinkinetik nach definierter Nahrungsaufnahme durch.

Prof. Dr. med. Daniel König
Steinbeis-Transferzentrum Gesundheitsforderung und Stoffwechselforschung (Freiburg)
su1172@stw.de

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