„Risikomanagement ist kein Luxus“

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Professor Dr.-Ing. Aleksandar Jovanovic spricht im Interview mit der TRANSFER über seine Faszination für Risiken und erläutert, warum das Risikomanagement gerade im Zusammenhang mit neuen Technologien, Nachhaltigkeit und Innovationen eine wichtige Rolle spielt.

Herr Professor Jovanovic, seit 2001 sind Sie im Steinbeis-Verbund aktiv und beschäftigen sich inzwischen intensiv mit dem Thema Risiken und Risikomanagement, insbesondere im internationalen Umfeld. Was fasziniert Sie daran?

Nicht nur „inzwischen“, sondern von Anfang an! Es war eine bewusste Entscheidung damals, die Arbeit auf den Themengebieten Risiken, Sicherheit und Risikomanagement auch innerhalb von Steinbeis fortzusetzen. Es war sehr aufregend zu sehen, wie das Interesse an diesen Themen wächst, wie die Grenzen zwischen einzelnen Gebieten fallen und die Multi- und Interdisziplinarität plötzlich zum Gebot des Tages werden. Ich habe jahrelang als Ingenieur, als Maschinenbauer die Sicherheit von Anlagen in der Industrie, wie beispielsweise Kernkraftwerken, erforscht. Aber Ende der 1990er-Jahre, Anfang des neuen Jahrtausends war klar: Keiner kann eine erfolgreiche Risikoanalyse durchführen, wenn er Faktoren wie Risikowahrnehmung oder Akzeptanz in der Gesellschaft nicht berücksichtigt. Und zwar weltweit! Wenn die neuen Technologien, wie Nanotechnologie, Fracking, Drohnen oder Terraherztechnologie, in einer Ecke der Welt akzeptiert sind und in einer anderen eben nicht, muss man erforschen, warum es so ist. Man muss zu einer möglichst vollständigen und objektiven Abschätzung des Risikos kommen. Der Weg dahin führt oft über angewandte Risikoforschung und internationale Zusammenarbeit. Steinbeis bietet dafür zahlreiche Vorteile. Keine andere „Innovations-Infrastruktur“ hat so gute und effiziente Möglichkeiten zur direkten Zusammenarbeit von Industrie, Forschung, Universitäten und ggf. auch Behörden und internationalen Organisationen wie EU, OECD, ISO, UNO etc. Das haben wir innerhalb der Steinbeis Advanced Risk Technologies (R-Tech) Gruppe in mehr als 100 Projekten bisher bewiesen. Unser Portfolio beinhaltet eine sehr breite Palette von Projekten: Von ganz großen Projekten mit einem Umfang von bis zu 20 Mio. Euro für die EU oder 6 Mio. Euro für die Industrie bis zu ganz kleinen Dienstleistungen für KMU.

Ein erfolgreiches Risikomanagement an sich ist schon eine Herausforderung für Unternehmen - kombiniert mit den Herausforderungen, die aus der Globalisierung und Internationalität resultieren, noch mehr. Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Instrumente, diese besondere Komplexität(en) zu beherrschen?

Risikomanagement ist kein Luxus. Gerade weil die Leute heutzutage mit dem Risikoparadox, wie Ortwin Renn in seinem gleichnamigen Buch zeigt, nicht ganz zurechtkommen und oft vor falschen Dingen Angst haben (und umgekehrt!), ist es notwendig ein praxisorientiertes, glaubwürdiges und transparentes Risikomanagementkonzept anzubieten. Dazu muss das Konzept auch „offen“ sein, da das größte Risiko das Risiko ist, das wir übersehen, das wir nicht erkennen oder nicht erkennen wollen. So ein Konzept wurde innerhalb der R-Tech Gruppe konsequent entwickelt und umgesetzt. Darüberhinaus wurde das Konzept auch in den Standards fest verankert, die man in Europa oder international unter Federführung von Steinbeis entwickelt hat. Diese „Steinbeis-Standards“ sind als europäische EN-Standards, CEN-Standards oder DIN-SPEC, z.B. auf den Gebieten „Risikobasierte Instandhaltung von Industrieanlagen“ oder „Risiken neuer Technologien“, schon weltweit im Einsatz. Das Konzept, diese Standards, die Fachleute, die wir an der Steinbeis-Hochschule Berlin dafür aus- und weiterbilden, das sind die Elemente, teilweise auch „Instrumente“, wenn Sie es so wollen, um die Risiken der „schönen neuen komplexen Welt“ zu beherrschen und zu managen. Dabei darf man die Resilienz-Aspekte keinerlei vergessen: Bei manchen Risiken ist die interessanteste Frage nicht unbedingt, wie oft, was passieren wird oder passieren kann, sondern eher, wie wird sich mein komplexes System dabei verhalten? Was wird sich nach einem möglichen Ausfall z.B. von einigen auf den erneuerbaren Energien basierten Energieversorgungssystemen in der Gesellschaft, Wirtschaft oder Organisationen ereignen? Wie schnell werden sich die Systeme „erholen“? Wie widerstandsfähig sind diese Systeme gegen Cyber- oder Terror-Attacken? All diese Fragen beschäftigen viele Fachleute in Europa und weltweit. Das European Virtual Institute for Integrated Risk Management (EU-VRi) EWIV als Teil der Steinbeis R-Tech Gruppe leitet unter der Beteiligung anderer Mitglieder der Gruppe das neue EU-Projekt „SmartResilience“. Sein Hauptziel besteht darin, die Indikatoren - auch die, die aus den „Big Data“ stammen - zu definieren, abzuleiten und zu überwachen, um so neue Risiken und potentielle Schwächen rechtzeitig zu erkennen und erfolgreich zu managen.

Sie haben mittlerweile Franchise-Unternehmen in Serbien und Südafrika. Welche Entwicklungen haben dazu geführt? Welchen Nutzen haben Ihre Kunden?

Wir müssen dorthin, wo (a) die Bedürfnisse und (b) die Ressourcen sind. Mit Steinbeis-Hilfe managt der südafrikanische Energieversorger Eskom Anlagen mit einer Kapazität von über 40.000 MWe in den 14 großen Kraftwerken, das sind 95% der ganzen Kapazität des Landes! Und Steinbeis R-Tech trägt die Verantwortung dafür! Um vor Ort die richtigen Teams bilden zu können, brauchen wir nicht nur eine enge Zusammenarbeit sondern auch eine Art Integration mit den lokalen Partnern. Mehr als die Hälfte der Mitarbeiter in Steinbeis R-Tech-Teams vor Ort sind aus Südafrika, wir erbringen nicht nur „eine Dienstleistung für eine Energieversorgungsfirma“, wir erbauen eine bessere Infrastruktur vor Ort, wir bilden die Leute aus, wir involvieren die bisher benachteiligten Gruppen in der Gesellschaft. Dafür muss man vor Ort präsent sein und dafür sind Steinbeis-Franchise-Unternehmen sehr gut geeignet. Davon profitiert Steinbeis, davon profitiert Südafrika, davon profitiert jede beteiligte Person. Eine pure „win-win“-Kombination. Etwas ähnliches haben wir in Serbien, da ist der Auftraggeber die Ölindustrie, hier aber wollen wir die lokalen Ressourcen auch in anderen Projekten weltweit und in Deutschland einsetzen. Mit einfachen Worten, anstatt die Leute nach Deutschland zu bringen, erfüllen die dortigen Steinbeis-Franchise-Unternehmen die „Nearshore Outsourcing“-Rolle, wieder zum Nutzen aller Beteiligten.

Ist das Interesse an der Thematik Risiko, insbesondere in Bezug auf neue Technologien, Nachhaltigkeit und Innovationen, auf nationaler als auch auf internationaler Ebene groß und folgt dem Interesse auch ein konkretes, global wirksames Management? Wenn nein, warum trotz der zunehmend eintretenden großen Risiken nicht?

Klar, es ist manchmal schwierig „im eigenen Dorfe zu prophezeien“. Aber wenn man als Steinbeiser beim Weltkongress zum Thema Risiken einen Keynote-Vortrag über Risiken der Industrie 4.0 hält, dann wird man auch „Zuhause“ gehört. Dass unsere Stärke dabei „Vorsprung durch das beste Risikomanagement“ sein muss, das ist keine Frage. Viele können über Risiken sprechen, aber nicht alle können konkrete Lösungen und Dienstleistungen auf diesem Gebiet anbieten: Die Steinbeis R-Tech-Gruppe „can walk the talk“. Dies haben wir schon bewiesen und werden das in der Zukunft noch öfters und in der intensiven internationalen Zusammenarbeit machen. Deswegen engagieren wir uns im Prozess der internationalen Standardisierung, wie z.B. bei den ISO-Standards 31000 und 31010, wo die Steinbeis R-Tech Gruppe aktiv mitwirkt und gerade eine neue große Aktion mit und in China startet, den Risk Radar China.

Professor Dr.-Ing. Aleksandar Jovanovic

Kontakt

Professor Dr.-Ing. Aleksandar Jovanovic ist Leiter der Steinbeis- Unternehmensgruppe Advanced Risk Technologies in Stuttgart. Die Gruppe bietet ihren Kunden vielfältige Dienstleistungen auf den Gebieten Business Risk Management, Analyse und Management von technischen Risiken, Datenanalyse sowie Projektmanagement.

Professor Dr.-Ing. Aleksandar Jovanovic
Steinbeis-Transferzentrum Advanced Risk Technologies (R-Tech) (Stuttgart)
R-Tech Group
su0592@stw.de

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